2025: 30 Jahre literarischer Autor - Klaus Servene - Autobiografisches & kostenlose Texte.
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| Klaus Servene, Foto: Larissa Dubjago |
Eine literarische Heimreise
Liebe Anwesende, ich denke, dass ich mich zunächst mit der Bitte an Sie alle wenden muss, meine Abwesenheit zu entschuldigen. Es sind rein gesundheitliche Gründe, die zur Absage meiner Teilnahme führten. Es schmerzt mich sehr, beste Freundinnen und Freunde heute nicht treffen zu können. Und ich hoffe das im nächsten Jahr nachholen zu können.
Ich lebte und schrieb über zwanzig Jahre lang hier in der Metropolregion. Für mich wurde sie ab 1997 allerdings nach und nach eine Literaturregion. (...) Für mich ist Schreiben ein humanistischer Akt. In gewalttätigen Zeiten, in Zeiten der sich schließenden Grenzen und sich zuspitzender Ausgrenzung, geht es auch in der Literatur um alles. Nämlich um die Erhaltung der Menschlichkeit. Wir müssen uns stärker denn je verbinden und verbünden. „Macht und Mensch“ ist ein Riesenthema. Und auch ein heikles! Der große Roman von Dimitré Dinev „Zeit der Mutigen“, den ich die Ehre hatte, vor der Veröffentlichung zu lesen, und der gerade dieses Thema breit und tief behandelt, erscheint jetzt zur richtigen Zeit. Er hat mich beflügelt und auch mein Langzeit-Freund Bernhard Wondra, der mich überhaupt auf die Ausschreibung des Mannheimer Morgen hingewiesen hat. Er schließt seine Mails stets mit dem Satz: „Bleiben wir demokratisch, solidarisch und fair.“ (...) Danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern am literarischen Wettbewerb!Herzlichen Glückwunsch den Siegerinnen und Siegern! Sie beginnen ihre schriftstellerische Laufbahn oder festigen sie gerade, ich beende sie. Aber ich verspreche, mein Bestes zu geben, dass es ein langes Ende werden wird! Die positiven Reaktionen auf meine Kurzgeschichte, selbst aus dem Bereich der Justiz, befeuern mich sehr. Gerade dieser Text ist für mich selbst einer meiner wichtigsten geworden! Danke Bettina, ich danke dir sehr, überhaupt und auch, dass Du ihn vorträgst! (...) Danke Mannheim!
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Eine kurze Autobiografie
Aufgewachsen in den 1950iger Jahren im südwestdeutschen Hunsrück besuchte ich früh und lange den wallonischen Teil meiner Familie in Belgien, machte 1967 am Staatlichen Neusprachlichen Gymnasium in Hermeskeil Abitur. Studierte Germanistik und andere philologische Fächer an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und an der Philipps-Universität in Marburg. Mit einem betriebswirtschaftlichen Studium und anschließenden langjährigen kaufmännischen Tätigkeiten im Hunsrück, ab 1981 in Hamburg, in den 90igern in Westerland und in Stendal, brach ich mit der akademischen "Community" abrupt, nicht aber mit dem Leben. Dieses überraschte mich im November 1995 mit einer heftigen Krebsdiagnose, einer komplikationsreichen "Zwei-Höhlen-Operation" inklusive "Magenhochzug" und gut dreiwöchigem Koma; und in der Folge mit weiteren fundamentalen Erfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte. Andererseits wurden alte Träumereien und zaghafte Schreibversuche des Schülers und Studenten wieder präsent. So begann ich, naiv und zäh zugleich, eine angesichts der Erkrankung begonnene "Stoffsammlung" ins Literarische zu veredeln. Es erwies sich trotz meines Studiums als unerwartet mühselig. Beruflich bedingt zog ich mit Ehefrau Anke nach Mannheim, wo wir von 1997 bis 2017 lebten und ich allmählich in der Literaturszene Rhein-Neckar Kopf, Herz und Fuß fassen konnte.
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| Frankfurter Buchmesse 2010 |
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| Mit Dimitré Dinev an der Donau in Wien, September 2025 |
Im Dezember 2017, wir zogen nach Hamburg zurück, wurde der Andiamo Verlag Mannheim (inklusive der Webseite www.andiamoverlag.de) aufgelöst. Die Unterstützung zeitgenössischer Literatur ging und geht natürlich dennoch weiter. Heute stelle ich fest, dass es trotz widriger Umstände gelungen ist, neben dem eigenen Schreiben über fünfzig Bücher mit Texten von über hundert anderen Autorinnen und Autoren herauszugeben. Ich bin vor allem allen Autorinnen und Autoren äußerst dankbar dafür und bleibe allen wortschöpferischen Menschen selbstverständlich eng und nach Kräften unterstützend verbunden. Gute Literatur verbindet und verbündet auch über schwere Zeiten und sich schließende Grenzen hinweg.
Klaus Servene, 1. November 2025
Eine Auswahl der eigenen Werke, der Beiträge und Herausgaben folgend.
Erstveröffentlichungen als Herausgeber z.B.:
Ein Licht über dem Kopf von Dimitré Dinev (2001), Zigi übers Meer von Zsuzsa Bánk (2008; ein Auszug aus ihrem noch unveröffentlichten Roman Die hellen Tage) und Der Rucksack von Massum Faryar (2008); Weitere Erstveröffentlichungen siehe auch Anthologie Grenzen.Überschreiten. – Ein Europa-Lesebuch (2007/2008 – Texte von Marica Bodrožić, Irena Brezna, Yadé Kara u.v.a.); Und: Europabreviere Grenzenlos (2011, 2012 mit Thomas Frahm, 2013).
Eigene Veröffentlichungen (Auswahl):
Hitzkopf (Roman), Mannheim 2000
Schatilah (Roman), Mannheim 2000
Deutschland-Tango (Lyrik und Kurztexte), Mannheim 2001
Das tragische Ende des August von Kotzebue (Ein szenischer Nachruf, Regie: Sascha Koal), 2002
Schandflecken (Erzählung, in: Nehmt mich beim Wort, C.Bertelsmann-Verlag, München 2003)
Zugereist (Ausgewählte Prosa 1995 bis 2007, limitierte Auflage zum Mannheimer Stadtjubiläum), 2007
Ein kurzer Roman vom Fell, (Roman), Mannheim 2007
Ein Haus in Bulgarien, (Erzählung, in: Wilde Vögel fliegen, Achter-Verlag, Acht 2009)
Als mein Herzschrittmacher streikte, (Lyrik, in: Der literarische Zaunkönig, Wien 3/2009, sowie in Ö1/ORF "Nachtbilder" 28.11.2009, gelesen von Michael Dangl)
Unter Asche, (Exzerpt aus der Erzählung, in: Im Verborgenen, Mannheimer Heinrich-Vetter Literaturpreis 2010 - Texte der Preisträger(innen) sowie der Nominierten, Literarisches Zentrum Rhein-Neckar e.V. Die Räuber 77, Mannheim 2010)
Mannheim, Germany (Stories), Achter Verlag, Acht 2010
Aus der Enge - Gedichte & Textamente (Lyrik, kurze Prosa & Essays), Verlag Rote Zahlen, Buxtehude/Berlin 2013/2014
Flirt mit dem Tod (Bühnenstück, Idee und Regie: Limeik Topchi), UA 2016
Nathan der Weise (Neue Bühnenfassung nach Lessing, Idee und Regie: Limeik Topchi), Premiere 2017
Heimreise (Kurzgeschichte), Mannheimer Morgen 2025
Herausgaben (Auswahl):
Werke von Jan Turovski, Nikolaj Tabakov, Rumjana Zacharieva, Meinrad Braun, Lyrik von Bundesanwalt Frank Wallenta u.a.
Hallo Taxi (Kurzgeschichten), Mannheim/Norderstedt 2001
Taxi-Hörbuch mit Musik (Kompakt-CD; mit Peter Tröster), Mannheim 2005
grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch (Kurzgeschichten; mit der Stadt Mannheim, Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev), Mannheim 2008
grenzenlos. ein literarisch engagiertes europabrevier (Anthologie), Mannheim 2011
europabrevier grenzenlos 2 - eine literarische Bulgarienreise, ein Puzzle & andere Wegbeschreibungen aus der Enge (Anthologie; mit Thomas Frahm), Mannheim 2012
Rumjana Zacharieva: Am Grund der Zeit. Gedichte. Neuauflage, Mannheim 2013
europabrevier grenzenlos 3 - JA. Roman von Nikolaj Tabakov. Aus dem Bulgarischen von Rumjana Zacharieva, Mannheim 2013
Würdigungen
- 2000: In der engeren Wahl für den NDL-Preis für neue deutschsprachige Romane.
- 2000: Literaturförderung der Stadt Mannheim (Kulturamt).
- 2003: Ausgewählt für die Anthologie „Nehmt mich beim Wort“; Wettbewerb der deutschen Bundesregierung („Schandflecken“).
- 2007: Literaturförderung der Stadt Mannheim (Kulturamt) – „Zugereist“.
- 2008: 3. Preis Germanwings Story Award „Geschichten vom Fliegen“ („Der Esel von Arbanassy“).
- 2009: 2. Preis Achter Autorenwettbewerb zum Thema Freiheit („Ein Haus in Bulgarien“).
- 2009: 1. Preis Erika-Mitterer-Lyrikwettbewerb; Motto: „Wer denkt vermutet, wer empfindet weiß“.
- 2009 bis 2017: Leseförderung durch den Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V.
- 2010: 2. Preis Literaturwettbewerb der Gemeinde Stockstadt am Rhein („Was ich weiß“).
- 2010: Zwei Lyrikpreise der Stadt Hildesheim – Jury- und Publikumspreis.
- 2010: Literaturförderung der Stadt Mannheim (Kulturamt) – „Mannheim, Germany. Stories.“
- 2011: Selma-Meerbaum-Eisinger-Literaturpreis (Publikumspreis).
- 2013: Der Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V. fördert die Übertragung des Romans Fell ins Bulgarische.
- 2020: Bestenliste Hildesheimer Literaturwettbewerb: In den Wind geschrieben (Publikumswertung).
- 2025: Finalist im Schreibwettbewerb des Mannheimer Morgen, Thema Macht und Mensch; Juryauswahl ("Heimreise"). Durch Onlinewahl der Leserinnen und Leser des Mannheimer Morgen erreicht die Kurzgeschichte den dritten Platz (von zwölf).
Leseprobe 1. Weltkrieg Meines Opas Weltkrieg - ein verstummter Schrei aus Vierzehnachtzehn.
Aus einem Brief an den Förderkreis deutscher Schriftsteller Baden–Württemberg (aus dem Englischen):
»Sofia, 14.Januar 2013
(...) Savremennik ist seit mehr als vierzig Jahren die führende Vierteljahresschrift für ausländische Literatur in Bulgarien. Die Philosophie unseres Magazins ist, für bulgarische Bürger und AutorInnen Türen zu anderen Teilen der Welt zu öffnen, zu anderen Sichtweisen auf die Welt (...)
In diesem Zusammenhang sind wir sehr froh (...) den kurzen Roman vom Fell von Klaus Servene zu publizieren. (...) Fell (gibt) eine eindrückliche Innenansicht in unbekannte Dimensionen deutschen Lebens, deutscher Provinz, deutscher Mentalität, in einer herausragenden und originalen literarischen Sprache, voller ausdrucksstarker Szenen und Bilder. Das ist genau, was wir suchen. Darum versichern wir (...) dass der Roman Fell, in der Übersetzung der berühmten bulgarischen Übersetzerin Emilia Draganova, vollständig in einer der Nummern unseres Magazins in 2013 veröffentlicht wird. (...) Gez. Vladimir Zarev, editor-in-chief, Vladimir Minkov 2nd editor-in-chief«
>> Wer über Klaus Servenes Sätze wandert, merkt nicht, wie begierig er bald den verschiedensten Gerüchen nacheilt. Etwas kocht. Mal in uns, mal in unserer Nähe, denn die Welt bei ihm ist ein Gericht, an dem wir, die Unersättlichen, uns die Zunge verbrennen. << Dimitré Dinev, Wien
>> Klaus Servene schreibt großherzig und sarkastisch zugleich. Ein Mensch mit einer süßen Zunge, mit einem warmen Mund, wie man in Afghanistan sagen würde.<< Massum Faryar, Berlin>> Die Bücher Klaus Servenes lassen mich nicht allein mit meiner Ahnung, dass unsere Wunden immer älter sind als wir selbst. (...) Nur aus Büchern wie denen Klaus Servenes, eines nackt und ungeschützt auf der Sprache wandelnden Zeitzeugen, erfahren wir noch von einem Deutschland, das zwischen K wie Kaiserreich und K wie K-Gruppen nicht aufgehört hat, grausame Verhärtungen zum Normalfall des Menschen im K wie Kapitalismus zu erklären.<< Thomas Frahm, Sofia
Inzwischen bin ich Ex-Herausgeber, habe nichts mehr zu verkaufen, wohl aber zu verschenken:
Wir werden schmunzelnd in den Gräbern liegen,
wir fahren nach Magnolien, was von uns bleibt
ist wechselhaft, Katzengold und Eintagsfliegen,
Badezeug, Plutonium – und natürlich Plastikfolien.
Ausgewählte Gedichte und Textamente (1970 bis 2015), Essays und Kürzest-Texte, sowie szenische Arbeiten (ab 1995 bis 2015), zuletzt: Mühlbach verreist.
»Wer über Klaus Servenes Sätze wandert, merkt nicht, wie begierig er bald den verschiedensten Gerüchen nacheilt. Etwas kocht. Mal in uns, mal in unserer Nähe, denn die Welt bei ihm ist ein Gericht, an dem wir, die Unersättlichen, uns die Zunge verbrennen.« Dimitré Dinev, Wien
»Klaus Servene schreibt großherzig und sarkastisch zugleich. Ein Mensch mit einer süßen Zunge, mit einem warmen Mund, wie man in Afghanistan sagen würde.« Massum Faryar, Berlin
»Lebendige Geschichten, souverän und wirklichkeitsgesättigt.« Mannheimer Morgen
»Ein Schriftsteller, der tatsächlich seine Geschichten wie Kastanien aus dem Schmutz fischt und sie solange geduldig säubert, bis sie zu glänzen beginnen. Empfehlenswert.« Michael Lehmann-Pape, Leverkusen
Werkauswahl Band 3: Fell & Seife – Zwei Romane, Andiamo Verlag Mannheim 2015, 212 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-936625-74-5
Warum wird der deutsch-belgische Lehrer Patrick Du Trou ermordet – eine reine Namensverwechslung? Inwiefern wird der IT-Spezialist Johannes Deprez das Opfer einer Bluttat aus Eifersucht; einer Tat, die er selbst begangen hat? Und was hat Seife mit Nobels Sprengöl zu tun?
Im »kurzen Roman vom Fell« geht es um die Geschichte eines »Nazijägers«, um politische und genetische Familiengeheimnisse und Schandflecken.
»Die Spur der Seife« behandelt das Thema Gewalt aus der Sicht eines Mörders. Die Spur führt in die Karibik, nach Südindien, nach New York, in den deutschen Südwesten mit seinen Städten und letztlich in den Hunsrück.
»Eine eindrückliche Innenansicht in unbekannte Dimensionen deutschen Lebens, deutscher Provinz, deutscher Mentalität, in einer herausragenden und originalen literarischen Sprache, voller ausdrucksstarker Szenen und Bilder.« Sawrennemik, die führende bulgarische Literaturzeitschrift für ausländische Literatur (Hrsg. Vladimir Zarev), Sofia, zur Veröffentlichung des »Kurzen Romans vom Fell« 2013 in bulgarischer Übersetzung.
»Mit feiner und umfassend differenzierter Sprache, im Stil durchaus angemessen wechselnd und ebenso differenziert gezeichneten Protagonisten erzählt Servene seine beiden Geschichten verletzter Menschen (...) Rückzug von der Welt, Kampf gegen sich selbst, Ohnmacht vor jahrhundertealten Schicksalslinien und doch immer auch ein Funken Hoffnung auf Besserung, auf ein Mehr sind die inneren Themen beider Romane, die für ein intensives Lese-Erlebnis sorgen.« Michael Lehmann-Pape, Leverkusen
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Werkauswahl Band 4: Hitzkopf, Roman, Paperback, 224 Seiten, 8. Auflage Andiamo-Verlag, Mannheim 2015, ISBN 978-3-936625-72-1
Aber es geht um noch mehr, als um die Überwindung körperlicher Defekte. Es geht um Selbstbehauptung in einer interessengesteuerten Welt. Es geht um beruflichen Erfolg, um hitzige Übertreibungen, um Zukunftsängste und um Zuversicht.
»Ich stutze in den Faustschlag, der parallel zu dieser Frage kommt, genau auf mein rechtes Auge. Es kommen viele Fragen. Und noch mehr Schläge. Die Schläge sind immer wie kontrolliert. Mal fest und schmerzend, mal fast zart, wie wenn man einen Kumpel aufmuntern will. Sie tun mir weh, ihre Schläge, aber sie sind nicht vernichtend, nicht als einzelne Schläge vernichtend, verstehen Sie Brunhild? Nur in ihrer Gesamtheit sind sie vernichtend. Überall am Kopf knirscht es, und dauernd platzt was anderes auf.«
>> Was mir am Hitzkopf solchen Eindruck macht: dass du jeweils die Sprachregister draufhast, die in den Lebens- und Berufssphären der Redenden gezogen werden müssen. Ein Brüller waren Lorangs Ex-Kollege, der Versicherungsvertreter „Tach auch, Müller-Sulzbach, mein Name“ und sein hochseriöser Gegenpart Hans C. Jakobus, Generalagent. Und wenn Justus Lorang selbst sich in Rausch schreibt, dann ist das entgrenzt wie ein Blick aufs Meer ... Das ganze Material kommt locker rüber wie ein Badehandtuch, das du bei Seewind auszubreiten versuchst, aber trotz eminenter Temperamentswindstärke liegt das am Ende verblüffend akkurat im Sand, so dass man sich gern drauf niederlässt, um weiter deinen Sprachwellen nachzugucken.<< Thomas Frahm, Sofia
» ... Ein amüsanter Michel ... « (Mannheimer Morgen)
» ... Wanderer zwischen Heimat und Welt ... « (Hochwälder Wochenspiegel)
» ... literarischer Hochgenuss ... « (Trierischer Volksfreund)
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• Auferstehung •
In Ruinen wirft die Sonne
ein besonders bombastisches Licht,
doch wie im Rückzug begriffen
scheint sie – zu kapitulieren.
Aus dem Aufbruch von schweren Granaten
steigen besonders blasse Monde empor,
und nie gesehene Pflanzen erwachsen.
Innere Wesen weiden auf Gras –
als würde es sie wirklich geben.
In den Meeren zerknicken Wale Harpunen,
eine Raumstation driftet im All,
am Südpol im Eis findet man Runen –
aus der Zeit vor dem Sündenfall.
In kaputten Städten neu geborene Kinder,
am Grund des Flusses ein Klavier,
und auf wüsten Straßen stillen
tätowierte Frauen ein Fabeltier.
Hörprobe
Aus der Enge. Gedichte, 84 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen, Andiamo-Verlag, 4. Auflage Mannheim 2015, ISBN 978-3-936625-67-7
Klaus Servene
Verlagsseitig leider vergriffen.
Denn obwohl beide Romane einander nicht bedingen, nicht aufeinander aufbauen und auch das 'Personal' in beiden Romanen verschiedenen ist, kreisen beide doch um das gleiche Thema (die Empörung, die Ohnmacht, der Angang gegen Demütigung, soziales Verbrechen und innere Verletzungen). Zudem sind beide Romane in der Struktur einander sehr ähnlich aufgebaut (die Gegenwart der jeweiligen Hauptfiguren und ausführliche Erläuterungen, Geschichten und Herleitungen aus den 'Stammbäumen' der Protagonisten, anhand derer Servene die fast Unabdingbarkeit der Vorkommnisse der Gegenwart intensiv herzuleiten versteht). Der Sprachstil, in Teilen assoziativ, und dann wieder detailliert, bis ins Kleinste schildernd, verbindet beide Romane ebenfalls im Erzählstil, der Klaus Servene zu eigen ist.
In 'Fell' wird Patrick Du Trou ermordet und es dauert fast bis zur letzten Seite, bis wirklich klar wird, inwiefern die gesamten Familienvernetzungen, die Verstrickungen eines Onkels in die Schreckensherrschaft Nazi-Deutschlands und die ohnmächtige Empörung eines Mannes gegen all dieses diesen Tod hervorgebracht haben. Ein Geflecht von Verwobenheiten, welches Bernd Kuszinski, zu Beginn des Romans noch zweiter Mann einer Catering- und Lebensmittelfirma, langsam aufdröseln wird, Schritt für Schritt, einige Generationen zurück gar. Einer, der 'der Welt virtuell' bis dato 'entglitten' war, der mit all dem Gemache dieser Welt nichts mehr zu tun hatte, sondern still für sich seine Tage ablebt. Aber auch einer, der tiefe Jugenderinnerungen an Du Trou in sich trägt, mit diesem die finnischen Frauen entdeckte und nun nicht in Ruhe gelassen wird von diesem Mord am alten Freund. Einem Freund, der als genetischen Defekt ein Stück 'Fell' am Körper trägt. Wie seine Mutter es ebenfalls trug. Eine wunde Stelle, ein Absonderungsmerkmal. Zeichen des nicht wirklich Dazugehörens. Ein Genuss ist es, diesen ersten gut 90 Seiten des ersten Romans zu folgen, so dicht vermag Servene zu erzählen und bei allem Kopfschütteln und sich Fragen des Lesers, wie denn nun all diese unverbunden wirkenden Erzählstränge zusammengehören mögen, diesen doch immer wieder bei der Stange haltend.
Ein Leseerlebnis, das sich im zweiten Roman verdichtet und fortsetzt. Dieser, nun in der Ich-Form konzipiert, erzählt von Johannes Deprez und seinem schon frühen Verhältnis zur 'Seife', mit all den Versuchen, sich 'rein zu waschen'. Rein zu waschen von abstrakten Dingen, die seine Mutter ihm innerlich auferlegte, reinzuwaschen aber auch von seiner Tat, die sein Leben von diesem Augenblick an bestimmte, als er das Büro seines besten, reichen Freundes Salman da Gama betreten hatte. Ein bester Freund, der einige Zeit in der Fremde mit Johannes Frau verbracht hat. Einfach so. Eine Tat, die daraus folgt, die fast zur Auflösung des Protagonisten in Seifenlauge führt und, als dies nicht wirklich nutzt, zur Schrumpfung und Eingrabung aus eigener Kraft.
Welch interessanter Kunstgriff, auch hier angesichts schreienden Unrechts in der Welt, angesichts sozialen Zerfalls, aber auch reinen Egoismus ein 'Herausschrumpfen' aus dieser Welt (und das mit gutem, persönlichen Grund gar), ebenfalls durch historische Verzahnung als fast schicksalhaft dargestellt, zum roten Faden zumindest des zweiten Teils von 'Seife' zu gestalten'. Nicht Nazis spielen hier die herausragende Rolle (auch, wenn diese vorkommen), weiter zurück zur Geschichte des Schinderhannes greift Servene in 'Seife' zu Erläuterungen des grundsätzlichen Problems dieser Welt in der Gegenwart. Auch hier dauert es, bis alle Fäden in ihrer Verbindung deutlich werden. Eine Geduld, die sich lohnt.
'Ich muss!'. 'Da ist der Spülstein. Vergiss die Seife nicht'. Doch eben nicht alles kann durch den Spülstein entsorgt werden und nicht alles durch Seife reingewaschen werden.
Mit feiner und umfassend differenzierter Sprache, im Stil durchaus angemessen wechselnd und ebenso differenziert gezeichneten Protagonisten erzählt Servene seine beiden Geschichten verletzter Menschen mit ihrer ganz eigenen Art, darauf zu reagieren und sich zur Wehr zu setzten (nicht immer mit Erfolg, das Böse hat die Kraft zum Gewinnen in Servenes Romanen). Rückzug von der Welt, Kampf gegen sich selbst, Ohmacht vor jahrhundertealten Schicksalslinien und doch immer auch ein Funken Hoffnung auf Besserung, auf ein Mehr sind die inneren Themen beider Romane, die für ein intensives Leseerlebnis sorgen.
Autor Klaus Servene, noch als Herausgeber - das Foto von Manfred Rinderspacher (Mannheimer Morgen) entstand am 20. August 2014.
***
Mannheim, Germany
Von Namenlosen wird hier erzählt, von kleinen Leuten in großen Nöten,
vom verborgenen Leben und von frostigen Fingern. Welches Kraut ist gegen
Gewalt und Krise, gegen Krankheit und Hass, gegen Neid und Missbrauch
gewachsen? Gibt es überhaupt ein Kraut und wo kann man es finden -
mitten in der Stadt?
"Servene ist Erfinder und Dramaturg zugleich, der sich Gedemütigten,
Verletzten und Zerstörten widmet. Seine Protagonisten kämpfen und bieten
dem Leben die Stirn. Seine Schauplätze menschlicher Hoffnung und
Ängste, seine Dramatik in alltäglichen Geschichten, der geschilderte
Zerfall von Sozialstrukturen sind es, die Juroren überzeugen."
(Mannheimer Morgen).
Das Buch versammelt preisgekrönte, bislang verstreute Geschichten und neue Stories über das kleine Glück.
178
Seiten, Fadenheftung, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen,
Achter-Verlag, Acht 2010, ISBN 978-3-9812372-45, verlagsseitig
vergriffen.
Das
Buch enthält unten zu lesende Kurzgeschichte mit gleichem Titel. Hierin
wird auf Carl Weissner angespielt, den Bukowski-Freund und Übersetzer.
Charles Bukowski hatte ein Gedicht über Mannheim verfasst: Mannheim Germany.
Rezension Glanz und Elend: »... eine faszinierende Reise durch das Unterholz der Gegenwart ...«
Mannheimer Morgen:
»Lebendige Geschichten ... souverän und wirklichkeitsgesättigt ...«
»Unaufgeregt
und schonungslos erzählt Klaus Servene in den hier versammelten Stories
über die Schattenseiten des Lebens im 21.Jahrhundert. Es sind
Geschichten über den Notfall, über den Ausnahmezustand, der zur Regel
geworden ist; Geschichten über heilige, doch unreine Orte.«
Jürgen Nielsen-Sikora, Köln
»Nicht
nur der Stil Servenes ist (...) ein zupackendes und nicht mehr
loslassendes Element, auch die auf den Punkt treffende Darstellung
seiner Protagonisten öffnet den Blick hinein in die Zerfaserung,
Vereinsamung und Isolierung menschlicher Existenz mit all ihren Folgen,
nicht ohne Lichtschimmer am Horizont zu belassen. Ein Schriftsteller,
der tatsächlich seine Geschichten wie Kastanien aus dem Schmutz fischt
und sie solange geduldig säubert, bis sie zu glänzen beginnen.
Empfehlenswert.«
Michael Lehmann-Pape, Leverkusen
Empfehlung von Barbara Kette, Lektorat der Stadtbibliothek Mannheim (Medientipp des Monats Februar 2011; www.mannheim.de):
(...) Geschichten, die – und das ist nicht übertrieben – wirklich unter die Haut gehen.
Die
Protagonisten sind immer diejenigen am Rand der Gesellschaft:
gescheiterte Künstler, aus der Haft Entlassene, eine arbeitslose
Telefonistin oder einfach Menschen in der Straßenbahn. Oft gibt es
eindeutige Hinweise auf Schauplätze in Mannheim, wie in „9 Uhr 9,
Grenadierstraße“, wo der Straßenbahn fahrende Ich-Erzähler feststellt:
“Der Paradeplatz, ein Aushängeschild dieser Stadt, ist der schönste
Niedriglohnsektor der Welt“ und „Während der Fahrt schaue ich mir die
Leute an. Eigentlich sind sie keine Arschlöscher, sie scheinen nur so,
auf den ersten Blick“.
Dann wieder Geschichten, die irgendwo in
Deutschland spielen: Ein aus der Haft Entlassener kauft seinem toten
Kamerad und Freund aus dem Knast eine Urne und füllt sie mit Asche, die
er aus drei fremden Urnen zusammengeklaut hat. Oder die Geschichte von
dem Maler, der sich mit einem Küchenmesser im Herz umbringt :“Sein Tod –
ein letztes Unikat“.
Der Autor hat einen Blick für die skurrilen
Wendungen des Lebens. Seine Geschichten sind nicht ohne einen
trockenen Humor, verfügen manchmal auch über Sarkasmus, wovon auch der
szenische Anhang: „Styx – oder die Krise ist machbar!“ zeugt. Aber immer
ist seine Sympathie auf Seiten seiner Figuren, für die er meist einen
kleinen Hoffnungsschimmer auf die Zukunft bereit hält. Lesenswert!
"Lebendige Geschichten" - Rezension Mannheimer Morgen - Thomas Groß, 28.Oktober 2010:
Die
im Schatten sieht man nicht, meinte Bert Brecht. Der Mannheimer Autor
Klaus Servene rückt gerade sie ins Licht - einen "Verrückten", dem sein
Psychiater sagt, er leide im Grunde an sich selbst, eine antriebslose
Frau, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, einen Haftentlassenen,
einen Künstler, der sich wohl das Leben nahm. Durch deren Brille blickt
der Autor auf die Gegenwart, souverän und wirklichkeitsgesättigt, in
einer Art pointiertem, sozialem Realismus. "Was ist schon ein Name? Man
ist frei, wenn die Seele so stark ist, dass man keinen Namen mehr
braucht", sagt der aus der Haft entlassene Betrüger. In einer anderen
Geschichte meint der Erzähler: "Die meisten Menschen genießen das Leben
ohne Grund."
Positiv Gestimmte gibt es in diesem Prosaband freilich
auch - eine alte, kranke Frau zum Beispiel, die sagt, sie habe viele
Glücksmomente erlebt. Es gibt Menschen, die an den Rollstuhl gefesselt
sind, Kriegsversehrte oder gescheiterte Karrieristen, die der Erzähler
genau betrachtet, um in ihren Regungen den Kern ihres Wesens, ihrer
Ängste und Hoffnungen zu erhaschen.
Intensiv gelebt
Registriert
wird auch Regionales. Anderswo spielen könnten dennoch viele der Texte,
unter denen auch Beziehungsgeschichten mit teils fantastischen Motiven
sind, die Titelgeschichte "Mannheim, Germany" aber nicht. Sie zeigt den
Autor von einer ironischen, heiteren Seite: Um "Asbach-Charly" und einen
"Ochgottochgott" genannten Milieukundigen geht es, eine Liebeserklärung
an die Quadratestadt und an die Autorengruppe "Räuber 77", der auch
Servene angehört, ist es. Die Herren erwägen, einen "dieser
Schreiberlinge" zu entführen, "weil doch endlich mal einer ihre
Geschichte aufschreiben musste". Denn: "Hatten sie nicht lange und
intensiv genug gelebt, um ein Stückchen Unsterblichkeit zu verdienen?"
Man liest hier, ironisch verschlüsselt, Servenes literarisches
Selbstverständnis. Intensives Leben schildert er, spitzt zu und spart
Schattenseiten nicht aus. tog
Mannheim, Germany
Es war einmal eine Stadt namens Mannheim.
Der Vergnügungsanzeiger titelte: »Postraub, wer fuhr den grauen Ford?«, und meinte damit die Uraufführung eines Films mit Wolfgang Neuss und Otto Wernicke. Blaue Autobusse kehrten zurück aus der fröhlichen Pfalz, im Tanz-Café Rheinland rüstete man schon zum letzten Tango, der Kontrabassist von der Hauskapelle stimmte die Saiten auf Sturm, und im Tattersall-Restaurant, drei Minuten vom Bahnhof mit seinem 90-Betten-Hotel, wartete der Taxifahrer Ochgottochgott ungeduldig auf den letzten Schluck Whiskey. Doch nicht er, sondern der lange Charly trank den letzten Schluck, und die Fahrt konnte endlich losgehen. Vor der Konditorei Café Excelsior am Paradeplatz stieg Charlys Freundin zu. Sie hieß Bronja Goldpfeil und betrieb ein Nachtlokal im Jungbusch. Sie liebte nur Charly, denn der beschützte sie mit allem, was er hatte, obwohl sie klein, dürr und unerträglich zickig war.
»Deine Augen hauen mich um!«, pflegte Charly zu sagen, wenn er betrunken war und seine natürliche Scham zu ersoffen, um seine tiefsten Gefühle bei sich zu behalten. Als ein GI seine Bronja einmal beleidigte, indem er herumschrie, sie habe zu viel auf den Deckel geschrieben, griff der lange Charly zu seiner Pistole und ballerte in die Decke des Lokals. Der GI floh, und von oben kam Ochgottochgott runter – er wohnte schließlich dort –, und nun hatte er ein blaues Handtuch um seine nackten Hüften geschlungen. Er war platschnass, er fluchte und schimpfte und brüllte, denn er hatte gerade ein heißes Entspannungsbad genommen, als die Projektile seine Wanne durchlöcherten; Charly hatte gewissermaßen seine Badewanne erschossen. Doch jetzt zielte Charly auf ihn, und er stieß verzweifelt »Ochgottochgott« aus, er warf seine Hände nach oben, und das blaue Handtuch glitt schneller, als er erwartet hätte, auf seine nassen, kaum behaarten Füße. Da erinnerten sich alle in der Kneipe, die vielleicht »Genickschussbar« hieß, dass dieses sein beliebtester Ausdruck war: »Ochgottochgott!«
Und alle brüllten vor Lachen, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, wieherten wie kranke Rennpferde und riefen schließlich wie aus einem Mund: »Ochgottochgott!« So war Ochgottochgott zu seinem Namen im Jungbusch gekommen.
Der lange Charly aber soll gestorben sein, als er auf Moshe Dajans Seite, dem Helden Israels mit der Augenklappe, im Sechstagekrieg kämpfend, Bronjas Bild über einer Düne hatte aufsteigen sehen, wie eine Sonne über dem Horizont des Meeres. Als er seiner Fatima entgegengeeilt war, lief er direkt in eine ägyptische Maschinengewehrsalve. »Ein schöner Tod«, sagte viel später Ochgottochgott, »mit schönen Grüßen vom Pharao«.
»Alla!«, sagten andere, und dass Charly immer noch lebe, und zwar in Mannheim, aber nicht mehr im Jungbusch.
Im Café Kiemle in der Plankenhof-Passage wartete Asbach-Charly, und vor dem Nationaltheater gabelten sie noch Schweine-Meyer mit y auf, einen kleinen Zuhälter aus der Pfalz, der sich gerade »Die Hochzeit des Figaro« angeschaut hatte, denn er war ein perverser Zuhälter.
Die musikalische Leitung hatte übrigens Professor Eugen Szenkar gehabt. Und im Schauspielhaus gaben sie gerade die »Johanna von Orléans« mit Ingrid Bergmann.
Wie meistens war Ochgottochgott recht planlos durch die Quadrate gesaust, damals hatte er von Charlys Tod natürlich noch nichts ahnen können.
»Wo wohnt er?«, fragte Schweine-Meyer mit y.
»Im Turm der Feuerwache!«, sagte Bronja Goldpfeil bedeutungsvoll.
»Ist er denn jetzt dort?«, fragte Asbach-Charly.
»Das hebt schon!«, sagte der lange Charly trocken.
»Alla!«, sagte Ochgottochgott. Sie wollten einen dieser Schreiberlinge entführen, nicht weil sie sich davon Geld versprachen, sondern weil doch endlich mal einer ihre Geschichte aufschreiben musste. Hatten sie nicht lange und intensiv genug gelebt, um ein Stückchen Unsterblichkeit zu verdienen?
Sie hatten sich den Film angesehen. »Wer fuhr den grauen Ford?« Aus dem Film hatten sie sich Jonny Dempf ausgesucht, einen Dichter, der ausgerechnet den Berufsverbrecher gab, und der nun – schwitzend und atemlos – aus seinem Traum erwachte.
In der Natur ist es ähnlich, dachte Jonny, wie in Mannheim: Eine Raupe spinnt sich ein, und in ein paar Wochen schlüpft ein wunderschöner Schmetterling aus dem Kokon. Die Raupe, ein kleines gefräßiges Ungeheuer, setzt der Vegetation zu, der Schmetterling dagegen sorgt wie andere Insekten für Bestäubung und Fruchtbarkeit.
Auch er hatte sich eingesponnen, aus einigen seiner Gedanken Papiernotizen fabriziert und schließlich gar Romane zusammengezimmert, eisern, unerbittlich, mit einem Finger auf dem Laptop – und zwar fünf Jahre lang. Doch nun war er in diese Stadt geglitten, wie Odysseus, der sich nach Karthago verirrt.
Nachdem er ungefähr wusste, wann und wo eine Stadtbahn in etwa zu dem Ort fuhr, wo er wahrscheinlich hin wollte, fühlte er sich fast schon zu Hause, denn er war ein optimistischer Mensch und schon mit wenigem zufrieden. Eines Tages hatte er sogar zum literarischen Zirkel gefunden, einer anscheinend freiwilligen Ansammlung von zumeist älteren Damen und keiner Handvoll Männern, die sich gegenseitig darin bestärkten, ihrem Dasein ein schriftstellerisches Ambiente zu verleihen. Die Mühe, die dieses ständige Hoffnungsschüren kostete, glich immer mehr der Anstrengung, die es zweifellos erfordern würde, wenn man versuchte, Kuchenteig durch einen Strohhalm zu saugen; oder Heringe vom Teller zu ziehen, mit hinter dem Rücken festgebundenen Armen und dem Kopf in einem Kartoffelsack.
Dieses Überangebot! Gegen die Ausstellung plastinierter Leichenteile ist das mächtigste Gedicht wie ein zitterndes Mäuseherzchen in einer Dinosaurier-Finissage: Es pumpt und pumpt und pumpt, aber irgendwo unbeachtet in einer winzigen Ecke, während die Menschen ihre eigene, tote und ausgeschlachtete wahre Größe bestaunen. All das geht bis unter die Haut, aber da hebt nichts.
Alla! Ochgottochgott!
Droschker, der die Sitzung des literarischen Zirkels lenkte, jedoch nicht leitete, weil er sich auf Leitern unbehaglich fühlte, hatte sich fast lautlos geräuspert und Jonny Dempf mit lauernder Herzlichkeit als neuen Schnuppergast begrüßt. Jonny aber hatte nahezu unverzüglich dieser Runde erklärt, wo Schiller die Räuber wirklich geschrieben habe; woran der Übersetzer von Charles Bukowski tatsächlich gestorben sei; warum die Kultur in Form des zuständigen Amtes in einer Feuerwache ansässig war; und wieso in dieser fremden Stadt ausgerechnet ein Wasserturm als Wahrzeichen in die trocken-verschwefelte Luft rage.
Und beim nächsten Treffen, das auf seinen Traum folgte, auf die Geschichte vom Taxifahrer Ochgottochgott, da schlug er ihnen vor, ein Taxi zu bestellen, nach Belenburg im verschlafenen nördlichen Teil der neuen deutschen Republik zu fahren und dort – Günter Grass zu entführen.
»Es war einmal ein Grass«, sagte Jonny, nunmehr vollkommen verrückt geworden, »der, bevor er zum Experten für Gesamtschulen und Nato-Bomben wurde, hervorragende Romane schrieb, und was wir von ihm wollen, ist, dass er einen Teil seiner Nobelpreisdotation dazu verwendet, uns ein bisschen unsterblich zu machen, wir haben es uns durch die Mühe des ständigen Hoffnungsschürens nun wirklich verdient!«
»Wo wohnt er?«, fragte Schweine-Meyer mit y.
»Im Turm der Feuerwache!«, sagte Bronja Goldpfeil. – »Todsicher!«, denn ihr sagte der Name Belenburg überhaupt nichts.
»Ist er denn jetzt dort?«, fragte Asbach-Charly.
»Das hebt schon!«, sagte der lange Charly trocken.
»Alla!«, sagte Ochgottochgott.
»Wo wohnt er?«, fragte Droschker ungläubig und gedehnt.
»Alla«, sagte eine Frau, die ein bisschen aussah wie Grete Weiser, zu einem Mann, der den Kopf Peter Rühmkorfs trug, sich darauf aber nichts einbildete, »das hebt!«
Und so machte sich eines schönen Tages, als gerade das Glockenspiel im barocken Rathaus den »Jäger aus Kurpfalz« zu intonieren begann, als auf dem Gelände des Hauptfriedhofes Wohlgelegen ein Wildkaninchen der Hasenseuche erlag, und als in der Kunsthalle Hanns-Josef Ortheil zu lesen aufgehört hatte, der gesamte literarische Zirkel auf, um in das romantische Belenburg zu fahren. Hier saß ein Weiser seiner Zeit in einem Wassertum, war höchst zufrieden mit sich selbst und lächelte, wenn er an seine Unfehlbarkeit dachte. Er hatte seine gute Million schon längst gezählt, hatte gestiftet und verschenkt, doch er konnte nicht ahnen, dass Bronja Goldpfeil, der lange Charly, Asbach-Charly, Schweine-Meyer mit y, Droschker, Grete Weiser, Ingrid Bergmann, Peter Rühmkorf, Otto Wernicke, die Hauskapelle Werner Enderle (mit Piano, Kontrabass, Stehgeiger usw.), Wolfgang Neuss, Ochgottochgott und viele, viele andere aus dem Reich der Lebenden und der Toten, aber zumeist Söhne und Töchter der freien und Hansestadt Mannheim, bereits aufgebrochen waren; aufgebrochen, um sich ihr Stückchen Unsterblichkeit zu erobern – am besten mit, aber zur Not auch ohne den lieben Günter und seine liegenden Taler …
RRRRRING … machte der Wecker, durch das Fenster schimmerten rot und fett die Neonbuchstaben ABB, und da wusste Jonny Dempf, dass er wohl wieder eingeschlafen war und vollkommen blödsinniges Zeug geträumt hatte.
Als er hier ankam, dachte er, dieses sei ein reines Industriegebiet, auf diversen Buckeln gebaut, dem man aus reiner Verzweiflung den Namen einer Stadt gegeben hatte. Wie, verdammt, hieß noch gleich der Übersetzer von Bukowski und dessen Gedicht »Mannheim, Germany«?
»Carl Weissner, und er lebt noch!«, hatte Droschker zu bedenken gegeben, »aber genau dieses eine Gedicht hat er nie übersetzt!«
In Droschkers Augen hatte Jonny Blitze gesehen, ein kurz aufzuckendes Triumphgeleuchte. Grete Weiser hatte wiederum »Alla!« gesagt.
Nach dieser Quadratur eines Traumes wurde Jonny Dempf von Gefühlen beschlichen.
Dass die Stadt größer und die Menschen fleischlicher wurden, je länger er hier war.
Dass die Luft merklich besser, wenn auch zeitweise dünner wurde.
Dass er nicht wusste, ob er nichts weiß.
Er würde sich auf keinen Fall zurücknehmen können, das konnte er noch nie. Aber er würde zweifelsfrei schrumpfen, in diese Stadt hineinschrumpfen und vielleicht sogar sein Herz für sie öffnen.
Aber das ist wieder ein neuer Traum, dachte Jonny.
In Wirklichkeit aber war sein Herz bereits offen, nur hatte er vergessen, wie man das zugibt.
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Klaus Servene im Gespräch mit Carl Weissner (Foto aus Wikipedia)












