Unterm Nussbaum - Anekdote von Massum Faryar


Am frühen Morgen des 2. August 2011 saß ich im Garten des Alfred-Döblin-Hauses in Wewelsfleth unter einem Nussbaum, den Günter Grass vor vielen Jahren zur Geburt seiner Tochter gepflanzt hatte. Es war mein erster Tag als Stipendiat in diesem Haus. Ein schöner Sommertag, aber die Äste, Zweige und Blätter der vielen langen Bäume rund um den Hof hatten sich gebündelt und ihn in ein gigantisches Zelt verwandelt, in das die Sonne keinen Zugang fand.
Etwa eine Stunde später betrat ich einen Laden, der sich Wand an Wand neben dem Haus befand. Ich ging zur Verkäuferin, die hinter der Käse-Theke stand. Sie war klein und schmächtig, hatte zerzaustes, graues Haar und war bestimmt um die neunzig Jahre alt. Als sie mich kommen sah, lachte sie mich warm und vertraut an und rief: „Da sind Sie ja! Ich habe Sie heute Morgen durch das Fenster im Garten sitzen gesehen.“
„Ach, ja?“
„Sie haben wie immer geschrieben und Ihre Pfeife geraucht. Und ich habe zu meiner Tochter gesagt, was macht am frühen Morgen Herr Grass hier?“
„Sie sind aber sehr liebenswürdig, gnädige Frau“, erwiderte ich. „Das ist die größte Ehre, die mir bisher jemand gemacht hat. Ich fürchte aber, dass Sie sich irren. Ich rauche nämlich keine Pfeife.“


Text und Fotos: Massum Faryar (2011)


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