Wer zu früh urteilt, der verliert die Welt - Aufwind für Thomas Frahm!

Im Januar 2016 erschien der Essayband "Die beiden Hälften der Walnuss" von Thomas Frahm auf Bulgarisch - hören oder lesen Sie den Beitrag bei Radio Bulgaria auf Deutsch.



Aus dem Gespräch Thomas Frahm / Klaus Servene am Freitag, dem 6. November 2015 in Mannheim ("Grenzgänger-Lesung" der Robert Bosch Stiftung).

Klaus Servene: Thomas Frahm erhielt 2005 das Grenzgänger-Stipendium und ist seit langem Grenzgänger zwischen Bulgarien und Deutschland. In "Im Kokon der Fremde", in Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 06/Juni 2011 schrieb er:

"Bulgarien ist eine Walnuss. Sie knacken hieße: sie zerstören. Also ist der Grenzgänger als teilnehmender Beobachter in Bulgarien gut beraten, wenn er sich selbst als Walnuss entdeckt und so Selbstbild und Fremdbild einander von innen heraus erkennen lässt, ohne die Schale anzutasten."

Würdest du sagen, du hast mit dem Buch, das wir hier heute vorstellen, einen Reiseführer zu dir selbst geschrieben?

Thomas Frahm: Ja, auch, natürlich. Das war unvermeidlich. So lange man in dem kulturellen Milieu bleibt, in dem man aufgewachsen ist, merkt man gar nicht, wie stark man davon geprägt ist. Selbst die Rebellion gegen diese Prägungen setzt immer an an dem, was da ist und einem zu schaffen macht, oder was fehlt und einen eine schmerzliche Sehnsucht empfinden lässt. Eine Chance, sich zu verändern oder sich aus diesem Clinch herauszuwinden, hat man nicht. Selbst das Bulgarienbild, das ich durch meine damalige bulgarische Frau gewann, war nur das Bulgarienbild, das meine Frau in der Schule gelernt hatte und das sie zwanghaft vor Deutschen reproduzierte, in der löblichen Absicht, ihrem Land keine Schande zu machen. Darum habe ich in der ersten Bulgarienzeit gescherzt: In Deutschland fühlte ich mich wie ein Fremder, hier bin ich wirklich einer.

Sogar ich selbst wurde mir fremd. Plötzlich waren meine Probleme nicht mehr typisch deutsche Komplexe, sondern real. Ich erinnere mich noch, wie ich durch eine akute Phase des Patriotismus ging, die ich mir in Deutschland so nie erlaubt hätte, weil ja Hitler dies Wort, dies Gefühl verseucht hatte. Gegen so etwas war ich - und nicht nur ich - als Deutscher in Deutschland einfach allergisch. Und in Bulgarien fand ich dasselbe Gefühl toll. So schizogen wirkt es auf uns Einzelne, wenn eine Gesellschaft ihre Vergangenheit nicht aufarbeitet! Ich wurde also bulgarischer Patriot, fand alles toll.
Fühlte mich wie einer, dem Asyl gewährt wurde und weinte bei der Parade am Nationalfeiertag, weil ich schon wusste: Dies Land hätte es ja auch gar nicht geben können, und dann wäre ich verloren gewesen!

Und so sehr ich heute darüber lache, so muss ich doch sagen: Dieser Auslandspatriotismus, dieses Zulassen verfemter Gefühle war für mich der Ansporn, auf die Suche nach einem Bulgarien zu gehen, das weder mit dem Bild meiner Frau zu tun hatte, noch mit den unerträglichen Projektionen von Westeuropäern, die niemals über die wohlfeile Kritik an gesellschaftlichen Missständen hinauskamen und die ansonsten nichts als ein paar fragwürdige historische Eckdaten und ein paar durchschnittliche touristische Sehenswürdigkeiten aufzählen konnten.

Ich bin zwar auch ein bisschen durchs Land gereist und habe einiges gesehen, habe aber in meinem Buch alles vermieden, was an einen Reiseführer oder an ein billiges politisches Abklatschen erinnert. Und bei Bräuchen und Verhaltenseigentümlichkeiten habe ich mir erlaubt, diese nach gründlicher Beobachtung auf meine Weise zu deuten.

So kann man sagen: So wie ich aus meinem kulturellen Umfeld hinausgetreten bin, und dabei alle Kriterien, mit denen wir Bulgarien und Osteuropa sehen, buchstäblich abgerissen habe, so habe ich versucht, zusammen mit einem ganz neuen Selbstverständnis auch ein ganz neues Bulgarienverständnis aufzubauen. Das ging parallel, das gehörte zusammen.

Klaus Servene: Thomas Frahm stand mit seiner Übersetzung eines der Werke Vladimir Zarevs auf der Shortlist des Buchpreises der Leipziger Buchmesse, ist als Übersetzer vierer großer Romane von Zarev, und von dicken Werken Angel Wagensteins und Lea Cohens hervorgetreten und nach den Maßstäben des deutschsprachigen Literaturbetriebs berühmt geworden, ohne Übertreibung gesagt.

Immer und immer wieder hat er sich für die bulgarische Literatur eingesetzt, in zahlreichen Beiträgen in renommierten Blättern und im Rundfunk mit seinem kritischen Doppelblick sowohl die zeitgenössische und klassische bulgarische Literatur als auch die oft überhebliche Rezeption oder Nichtrezeption im "Westen" in den Fokus rücken wollen. Jetzt legt er mit "Gegenwarten" sein neuestes Buch vor. Wie sieht es also mit bulgarischer Literatur aktuell aus? Für welche AutorInnen kann, soll, muss man sich interessieren und für welche wird sich Thomas künftig einsetzen?

Thomas Frahm: Da die Antwort auf diese Frage länger ausfallen könnte, habe ich einige Exemplare des Druckbogens mitgebracht, den ich vom MERKUR mit meinem Aufsatz über bulgarische Literatur bekam. Den können sich Interessierte nach dieser Veranstaltung gern mitnehmen, bitte nur, wer wirklich interessiert ist. Hier möchte ich nur kurz skizzieren, dass die besten Autoren Bulgariens sich immer durch eine Mischung aus Humor und hartem Realismus ausgezeichnet haben. Schriftsteller mussten beweisen, dass sie dem Volk aufs Maul geschaut hatten, aber auch in die Stube, in die Scheune und in die Speisekammer!

Autoren wie Blaga Dimitrova, deren Roman Otklonenie (in der DDR 1971 erschienen unter dem Titel "Experiment mit der Liebe") noch heute lesenswert ist, und Vladimir Zarev haben diesem Realismus eine poetisch-psychologische Introspektion eingezogen, die in faszinierender Weise zeigt, wie gesellschaftliche Prozesse aufs Individuum einwirken, und wie derart deformierte, traumatisierte Individuen, wenn sie an die Macht gelangen, verhängnisvoll auf die Gesellschaft zurückwirken. Das macht diese beiden Autoren für mich zu den größten Exponenten der modernen bulgarischen Literatur.

Heute befindet sich die bulgarische Literatur leider unter einem unguten Stern. Die einen, die noch an den Standards der großen Meister festhalten, stürzen ab in poetischen Kitsch und preziöse Kunstarroganz, die meisten anderen, vor allem die jungen Autoren, ahmen hemmungslos und dabei auch noch im Glauben, originell zu sein, angloamerikanische Erzählmuster nach. Über das Bulgarien, das mich interessiert, erfahre ich von solchen Autoren nichts. Über das Bulgarien, wie ich es sah, hat Dimitré Dinev geschrieben, und er hat das Bulgarische, das ich in "Kleine Physiognomie" skizziert habe, in Stil überführt. Wer Dinev liest, weiß, wie Bulgaren denken, aber auch, wie sie sich bewegen. Verschränkte Zarev Innen- und Außenwelt sozialpsychologisch, so tut es Dinev physiognomisch. So lesen wir Dinev, als wären wir mitten im Geschehen.

Erzähler, die wenigstens in kürzeren Texten einen bulgarischen Literaturton gefunden haben, und auch etwas von "meinem" Bulgarien erzählen, die habe ich auf Anregung von Klaus als Beitrag zu einer Anthologie zusammengestellt, die 2012 herauskam (Europabrevier Grenzenlos 2). Da war die Versuchsphase deutschsprachiger Verlage mit osteuropäischen Autoren im Rahmen der beiden EU-Osterweiterungen 2004 und 2007 vorbei, und es ging nichts mehr - trotz enorm guter Presseresonanz noch nicht einmal bei Zarev. Der neue Roman Zarevs ist ungemein aktuell, er befasst sich mit den großen Bürgerprotesten gegen die kriminellen Postenvergaben der Regierung vor zwei Jahren. Und wieder schafft es Zarev, die platten Gut-Böse-Schemata zu zerbrechen und an zwei Helden, die sich auf diesen Demonstrationen kennenlernen und verlieben, zu zeigen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie nicht tun dürfen, wozu sie befähigt sind.

Es ist schlimm, dass all dies die Verlage nicht mehr interessiert, weil wir in Bulgarien offen beobachten können, was bei uns in Deutschland genauso, nur hinter besser verschlossenen Türen geschieht. So musste ich selbst aktiv werden, und Klaus gab mir mit der Arbeit am zweiten Europabrevier einen wichtigen ersten Anstoß dazu. Heute versuche ich, zu retten, was zu retten ist, indem ich wieder selbst verlegerisch tätig geworden bin und im Rahmen meiner Kräfte Bücher von Bulgaren und über Bulgarien herausgebe. Einige meiner Essays zur bulgarischen Literatur sollen im Walnuss-Nachfolgeband stehen. Der Erzählband "Gegenwarten" hatte auch den Sinn, auf solche bulgarischen Erzähler aufmerksam zu machen, die noch nicht in deutscher Sprache veröffentlicht sind.

Klaus Servene: Im Zarevtext der eben vorgetragen wurde ist von der Angst die Rede und von einer Vorstellung Europas als Kontinent kontra Osmanisches Reich. Der Name des Schiffes (Prinz Eugen) ist ja schon gewissermaßen Programm. Wie geht man mit dem Nachbarn Türkei heute um?

Thomas Frahm: Vorsichtig, würde ich sagen. Fakt ist, dass türkische TV-Serien die beliebtesten Sendungen im bulgarischen Fernsehen überhaupt sind. Die alte Propaganda, die Bulgariens Defizite immer als Spätfolgen der Entwicklungshemmung im Osmanischen Reich deklarierte, verblasst allmählich, stattdessen sehen die Menschen nun im Fernsehen, wie ähnlich sich beide Länder sind: Vor einem stark agrarisch-traditionalen Hintergrund mit orientalischen Kulturelementen entsteht eine wirtschaftlich, sozial und kulturell eindeutig an Westeuropa orientierte Lebensweise, vor allem natürlich in Istanbul. Das ist in Bulgarien und der Türkei gleich. Türkische Importware dürfte gleich nach der chinesischen Billigwarenflut kommen. Auch die in Bulgarien lebenden Türken sind weitgehend unauffällig und integriert.

Klaus Servene: 2013 geriet Bulgarien auch wegen der Flüchtenden in die Schlagzeilen, wie siehst du das?

Thomas Frahm: Im ersten Jahrzehnt nach der Wende dominierte in der Öffentlichkeit der Konflikt "kommunistisch-antikommunistisch". Als die selbsternannten Antikommunisten zeigten, dass auch sie Bulgarien nicht über Nacht an Westeuropa heranführen und die sozialen Probleme lösen konnten, wurden neue Schuldige für die Misere gesucht, meist in den Minderheiten, vor allem den Roma. Geschürt wurde die Blitzableitung von Volkes Unmut dadurch, dass gesagt wurde: Die kriegen alles umsonst, und wir stehen mit leeren Händen da. So etwas kann man dort, wo Mangel herrscht, recht leicht den Leuten einbläuen. Als die ersten Flüchtlinge kamen, entstanden Spannungen erst, als sie in Hotels untergebracht wurden und im Stadtbild sichtbar wurden. Es herrscht aber noch immer ein erstaunlicher sozialer Friede. Problem für Bulgarien ist jedoch: Es kann den Flüchtlingen keine Arbeitsplätze anbieten, so wie Deutschland.

Klaus Servene: Du hast mal geschrieben »Meine Sache ist die, im Gesamt der bulgarischen Verhältnisse etwas zu finden, das uns auf beeindruckende Weise einen neuen Akzent dessen vermittelt, was es heißt, Mensch zu sein.« Um den Bogen zu schließen: Was hat Selbstfindung mit der Faszination Bulgariens zu tun?

Thomas Frahm: Sie hat insofern etwas damit zu tun, als Selbstfindung im Grunde nicht darin besteht, ein Selbstbild zu finden, an das man sich klammert, sondern im Gegenteil, loszulassen, sich an nichts mehr zu klammern. Erst dann reagiert man lebendig, also ohne vorgestanzte Verhaltensweisen, und erst dann tritt man wirklich in einen Dialog ein und kann die Faszination der Fremde erleben. Die hatte für mich, wie schon gesagt, weniger mit den Sehenswürdigkeiten zu tun oder den kulturellen Leistungen, mit denen Bulgarien aufwarten kann, sondern mit den Menschen, mit ihrer Art zu leben.

In Bulgarien leben, auch wenn populistische Politiker das für sich und ihre Interessengruppen massiv zu ändern versuchen, viele Ethnien auf friedliche und gut geregelte Art und Weise neben- und miteinander. Das Zeitverständnis dort war zumindest vor einigen Jahren noch extrem anders als bei uns. Nirgendwo sah ich Uhren im öffentlichen Raum, jeder hatte Zeit für mich, auch wichtige Persönlichkeiten. Das Leben schien diesen Menschen keine Frage guter Organisation zu sein, sondern ein Band voller guter und schlechter, beglückender, frustrierender und aberwitziger Geschichten, die man auch gern zum Besten gab. Der neue Akzent dessen, was es heißt, Mensch zu sein, der war für mich also genau das: Menschen sind kein Fall fürs Erklären und Analysieren, sondern Menschen sind Teile von Geschichten, manchmal sogar deren Verursacher. Und der Vorteil von Geschichten ist, dass sie durch Unterhalten zugleich Einfühlung und Verständnis ermöglichen, ohne dass wir ein Urteil abgeben müssten.

Klaus Servene: Du bist ja auch Autor von Gedichten und Kurzgeschichten - In welchem Verhältnis steht der Autor zum Übersetzer und Essayisten? Mögen sich beide, vertragen sie sich?

Thomas Frahm: Es kommt darauf an. Als ich mit dem Übersetzen begann, war ich gerade drei Jahre in Bulgarien und in heftiger Entwicklung als Autor. Darum wehrte ich mich anfangs. Bis ich sah, dass Zarev in seinen Büchern die Fragen beantwortete, die ich mir über Bulgarien und über mich stellte, und zwar literarisch überzeugender und vielschichtiger, als ich es gekonnt hätte. Da erst machte mir das Übersetzen Spaß. aber nicht generell. Beim Übersetzen erst merkt man nämlich, wie komplex oder simpel ein Autor ist. Bei simplen, mittelmäßigen Autoren übersetzt du einfach 1:1 im Rahmen der sprachlichen Übereinstimmungsmöglichkeiten. Bei Zarev geht das nicht. Er schreibt so komplex und vielschichtig, dass man erst mal verstehen muss, was er da eigentlich sagt. Das hätte ich ohne meine Beschäftigung mit der bulgarischen Kultur, und ohne dort zu leben, gar nicht gekonnt. Darum musste ich bei ihm wirklich kreativ übersetzen, so, dass deutsche Leser dieselben Möglichkeiten der Einfühlung haben wie bulgarische, und nicht draußen vor der Tür bleiben. So habe ich mein Schreiben also immer als wichtige Voraussetzung empfunden.

Wer nicht weiß, welche Probleme literarisches Schreiben mit sich bringt, und welche Lösungswege es gibt, der vermutet und sieht ja diese Probleme und ihre Lösungen im Originaltext gar nicht, und übersetzt sie folglich auch nicht.

Toll war, dass Zarev immer schrieb, was mich brennend interessierte, aber eben in einem Genre, das mit verschlossen ist, das ich nicht kann: dem großen Gesellschaftsroman. Ich bin und bleibe ein deutsch-romantischer Dichterdenker; meine Domäne sind Lyrik und Essay.

Klaus Servene: Vielen Dank Thomas und viel Erfolg weiterhin!

Das erste Programm des Chora Verlags Thomas Frahm

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