Peter Houska

Peter Houska ist ein Tausendsassa: Nach dem Abitur verdingte er sich als Gittarist und Mundharmonikaspieler in Rock- und Bluesbands, aber auch als Tagelöhner und Fabrikarbeiter. In Hildesheim gehörte er sogar zu den beliebten Bierzapfern in den ersten Szenekneipen überhaupt.
Sein Schauspielstudium absolvierte er an der renommierten Hochschule für Musik und Theater Hannover. Es zog ihn rasch ans Mannheimer Nationaltheater, wo er sich durch Stücke wie u.a. „Drei Musketiere“ (unter der Regie von Jerome Savary) und „Clavigo“ (Regie: Benjamin Korn) rasch eine Fangemeinde aufbaute. Seit vielen Jahren begeistert Peter Houska das Publikum des Oststadt Theaters Mannheim, u.a. in seiner Paraderolle als bigamistischer Taxifahrer in „Doppelt leben hält besser“.
Um seine Begabungen zu komplettieren, schreibt Peter Houska Erzählungen, Romane und Kurzgeschichten. 2003 veröffentliche der Autor sein Debüt, die Erzählung „Dens, Dentis, oder die Fährte des Jaguar“ im Andiamo Verlag. 2013 erscheint der vergriffene Text als E-Book.

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Leseprobe

Vorsichtig glitt er mit der Zungenspitze an seinem Eckzahn, dem Reißzahn, wie er ihn nannte, auf und ab. Nik verstärkte den Druck seiner Zunge. Bewegte der Zahn sich wirklich unter der noch sanften Berührung, oder träumte er? Nein, er träumte nicht, ein Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass es zwei Uhr fünfunddreißig morgens war. Panik stieg in ihm auf. Er rannte ins Badezimmer, knipste die Halogenbeleuchtung an und trat ganz nahe an den Spiegel. Hastig entfernte er seine Oberkieferbrücke und betrachtete mit Entsetzen die restlichen drei Zähne, die der Brücke Halt boten und von denen nun einer, der Wichtigste, locker zu sein schien. Mit zitternden Fingern berührte er seinen Eckzahn, den langen, so kräftig wirkenden Reißzahn, und ohne Mühe konnte er den Zahn hin und her bewegen. Zweifellos - der Stolz seines Oberkiefers, Haupthaltepunkt seiner Brücke war locker. Herrgott, er war gerade Ende vierzig und nun konnte er es an den Fingern abzählen, wie lange es noch dauern würde, bis er eine Vollprothese im Mund haben musste. Blut klebte an seinem Daumen und Zeigefinger. Er wusch es ab und eilte ins Schlafzimmer. Der Gedanke an die drohende Prothese war unerträglich, er musste irgendetwas tun, um ihn zu verdrängen. Seine Hand fuhr unter die Bettdecke seiner Frau, zärtlich streichelte er ihren Rücken und ließ seine Hand dann weiter auf ihren Hintern gleiten. Sie erwachte kurz und beschied ihm, er solle das lassen. Diese Abfuhr, eigentlich nichts Ungewöhnliches in letzter Zeit, trieb ihn wieder aus dem Bett. Er musste sich ablenken, musste unter Menschen. Hatte noch eine Kneipe geöffnet? Welcher Tag war heute? Gott sei Dank ein Freitag, genauer es war bereits Samstag, was wiederum bedeutete, dass er nicht zu unterrichten brauchte und überhaupt, es waren ja Ferien. Max’ Pilsstube! Ja, Max’ Pilsstube hatte immer bis fünf Uhr morgens geöffnet und war auch nicht allzu weit entfernt. Der Ruf dieses Lokals war zwar nicht gerade der beste, aber das war ihm jetzt völlig egal. Hastig schlüpfte er in seine Kleidung und verließ die Wohnung.

Es regnete, er machte aber nicht kehrt, um einen Schirm zu holen, er musste schnellstens diese entsetzlichen Vorstellungen irgendwie übertünchen. Die Nachtkneipe war gut besucht, die meisten Gäste bereits ziemlich betrunken, wie er gleich feststellte. Am Tresen fand sich doch noch ein freier Hocker, auf den er sich setzte. Sein Thekennachbar, ein finster aussehender, wild tätowierter Kerl, trank Bourbon. Er bestellte für sich das gleiche Getränk.

Nik nahm verstohlen die Tattoos seines Nachbarn näher in Augenschein. Das Auffälligste war auf seinem rechten Unterarm: Ein Jaguar im Sprung. Etwas unbeholfen ausgeführt zwar, aber unzweifelhaft der Kühlerfigur der britischen Nobelautomarke nachempfunden. Der Kopf des Raubtieres jedoch hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit stilisierten Jaguardarstellungen der Mayas. Das machte ihm den Mann irgendwie sympathisch. Schon als Kind hatte sich Nik für die alten amerikanischen Hochkulturen interessiert. Während sich seine Altersgenossen vornehmlich nordamerikanischen Indianern zuwandten - Sioux, Cheyenne, Apachen - fühlte er sich von Azteken, Mayas, Tolteken und Inkas wie magisch angezogen, von Völkern, denen der Jaguar als heiliges Tier galt.

(...)

Andiamoverlag

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