Afghanistan: Trotz und wider den Terror - Sprünge unter den Regenbogen; von Klaus Servene

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, lautet der erste Satz in Thomas Manns Joseph und seine Brüder. Und wirkmächtig sind die Schrecken der Zeit, füge ich heute, einen Tag nach dem blutigen Pariser Freitag hinzu.

Ich kenne Dr. phil. Massum Faryar seit dem Internationalen Kurzgeschichtenwettbewerb der Stadt Mannheim zum 400jährigen Stadtjubiläum in 2007. Mit seiner Erzählung Der Rucksack gewann er einen Preis und ich bemerkte damals zu seinem Text, dass er beklemmend aktuell sei, erzählerisch versiert und für einen breiten Leserkreis spannend und zugleich informativ. Heute, rund ein halbes Jahr nachdem Faryars Lebenswerk Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter erschienen ist, kann ich meine Aussage zu seinem literarischen Schaffen nur bekräftigen und den Wunsch hinzufügen, dass der Wert dieses Werkes noch besser verstanden und kommuniziert wird. Massum Faryar hat schließlich dafür gesorgt, dass sich das Drama Afghanistans nicht auch noch literarisch wiederholt: Bisher noch niemals angemessen und umfassend, mit Respekt und mit Kompetenz behandelt worden zu sein.

Ich bin sicher: Buskaschi wird das Bild von Afghanistan für den aufgeschlossenen Leser um vielerlei Aspekte erweitern und damit korrigieren. Das Land und seine Menschen, die Geschichte seit der Gründung des Staates bis zur Gegenwart 2008 (hauptsächlich von 1919 bis 1982), werden gewissermaßen herangezoomt und in den handelnden Figuren aus drei Generationen lebendig. Im Vater des Ich-Erzählers zum Beispiel, der sozial aufsteigt, vom Bauernjungen bis zum angesehenen Kaufmann und schließlich sogar bis zu einem Imam der Herater Freitagsmoschee.

Im Unterschied zu allen vorherigen Büchern zu Afghanistan zeigt Buskaschi also nicht bloß eine bestimmte historische Facette, sondern ist ein umfassendes Werk, eine fiktionale Familienchronik, die einen Entwicklungszeitraum von neun Jahrzehnten umfasst und mannigfaltige Elemente aus der Geschichte und Kultur Afghanistans in sich aufnimmt. Damit ist das Buch ein einzigartiges Werk afghanischer und zugleich deutscher Sprachkultur, auf das selbst die Deutsche Nationalbibliothek stolz sein müsste. Ein Epochen-, Familien-, ein Liebesroman zugleich, gelungen nach dem Vorbild der großen europäischen Erzähler.

Mit 26 Jahren erst wechselte Massum Faryar seine literarische Sprache von Dari ins Deutsche, erlernte der Autor die deutsche Sprache; in einem Alter also, als Thomas Mann mit seinen Buddenbrooks hervortrat. Zwischen Thomas Manns Debütroman Buddenbrooks und Massum Faryars Debütroman Buskaschi mögen zwar Welten aus Zeit und Raum liegen, aber das Thema des Aufstiegs und Verfalls einer Kaufmannsfamilie behandeln beide Werke auf hohem literarischen Niveau. Wobei in Faryars Werk jene höchste Poesie einer arabischen Kultur aufscheint, die nach Navid Kermani untergegangen ist, erstickt durch den vorherrschenden Wahhabismus.

Buskaschi wird das Bild eines Landes weiter machen, tiefer, farbiger, das auch in der zeitgenössischen Literatur vorwiegend und fast ausschließlich bestimmt wird von den Schrecknissen des Talibanregimes und den Folgen. Und es stellt sich heraus, das vielfach durchaus verstanden werden kann, was so unverständlich erscheint.

Und wenn Kermani eine Rückbesinnung auf den Islam vor dessen politischem Missbrauch fordert, dann ist Massum Faryars Buch, das über einen Zeitraum von achteinhalb Jahren entstanden ist, ein bedeutender Beitrag, das leider Verlorengegangene wach zu halten, zu bewahren – nach den Möglichkeiten eines Dichters für eine hoffentlich bessere Zeit beizutragen.

Besprechungen wie z.B. Husch husch zum Hindukusch jedenfalls werden weder dem Buch noch der Sache gerecht. Aber trotz widriger Umstände: Das Werk ist in der Welt – und wird es bleiben! Und der globale Widerstand gegen Fundamentalisten und gegen den Terrorismus wächst – und das ist die Hauptsache!

Mannheim, 14. November 2015
(c) Klaus Servene

Massum Faryar:
Buskaschi oder Der Teppich meiner Mutter
ISBN: 978-3-462-04674-8
656 Seiten, gebunden
Erschienen am: 11.05.2015
Kiepenheuer & Witsch
Als Hörbuch bei Random House Audio

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