Nikolaj Tabakov: JA - Roman

»Und da erschrak Kamen Enev (...) sein Herz erstarrte. Es war nicht der Tod, der ihm so viel Angst einjagte, er ängstigte sich nur, weil Matejkos Sterben so lange gedauert hatte, ihn erschreckte der Zaun, den Matejko, Brigadier der dritten Montagebrigade, um sein Grundstück errichtete. Das soll es sein?, fragte sich Kamen Enev. Ist das der Sinn des Lebens?«

Ruhig und malerisch liegt es vor unseren Augen: das Tal Stram, im Süden Bulgariens im Rhodopa-Gebirge gelegen. Im Zentrum des behäbigen Lebens in den drei Dörfern: das Wirtshaus zum Lamm am Spieß und der Tante-Emma-Laden des Gevatter Laso der Gebildete. Doch die Ruhe täuscht. In den Wäldern kämpft der Forsthüter Gevatter Wolf gegen Holzdiebstahl und Wilderei, und gegen seine Sprachlosigkeit. Wird ihn die Witwe Sewda heilen? Hoch oben auf dem Berg hat sich in der Enjov-Burg, im Haus seiner alteingessenen Familie, Kamen Enev niedergelassen. Ein totes Gesicht, das aus dem Dunkel der verregneten Nacht mit Wucht an sein Fensterglas geschleudert wird und plötzlich buchstäblich daran klebt, wird zum Schlüssel der Ereignisse, die folgen. Kamen, der sich als »Heiler« sieht, rettet das Leben von Wesko Maslarov, den man in den Dörfern wegen eines Geburtsfehlers »das Hinkebein« nennt. Aus Eifersucht ist er fast zu Tode geprügelt worden, weil ihn das schönste Mädchen im ganzen Tal, Bozhana, trotz seiner Behinderung zum Freund erwählt hat. Keine Prügel ohne Folgen: Wesko verstummt und wird zum kalten Egoisten... Die Idylle in den Rhodopen täuscht also ganz gewaltig. Und als Neureiche aus der Stadt versuchen, im Tal Boden zu gewinnen, d.h. es in eine Immobilie zu verwandeln (»Privatisierung«), da gerät selbst der türkisch-stämmige Schmied Nuri in aufrührerische Wallung. Der Forsthüter macht mobil, auch die Roma Agamemnons beteiligen sich begeistert am Widerstand gegen die von korrupten Geschäfte-machern in Politik und Wirtschaft gesteuerte Staatsmacht ... wie wird es weiter gehen? Wie wird es enden: mit den Leuten vom Stram-Tal, mit der schönen Bozhana, mit Kamen und dem schließlich schriftstellernden Wesko? Mit dem Kampf um Anerkennung, um Erhaltung der eigenen Würde, um Lebenssinn?

Das Drama im Menschen wird hier entworfen. Und dessen andere, realistische Seite, die Komik. Eine Welt am Rand Europas wird hier erschaffen, und ja, zugleich ein Panorama, das uns alle angeht, erst recht uns Europäer.

Die bulgarische Literaturkritik bescheinigte dem Autor den Status einer »außergewöhnlichen Begabung in der literarischen Landschaft des Landes«, rühmte seine Tragikomik und seine »saftige bulgarische Sprache«, sowie seine Fähigkeit, »am Puls der Zeit« zu sein.

Mit dem Roman »Ja« erscheint nun erstmals ein Werk des Autors in deutscher Sprache, von fein- und zugleich tiefsinnig bis »saftig deutsch« übertragen von der Lyrikerin, Romanautorin und Übersetzerin Rumjana Zacharieva.

Nikolaj Tabakov: Ja. Roman. Edition Andiamo im Wellhöfer-Verlag, Mannheim 2013, 464 Seiten, kartoniert, 18.- €, ISBN 978-3-95428-126-8

Eulenspiegel, Berlin 10/2013, Biskupeks Auslese:

(...) Von den Ländern aus dem Südostzipfel der EU hören wir meist nur, dass es dort Korruption gibt, ein Zigeunerproblem existiert und Riesensummen aus der Sparbüchse von uns Guten Europäern verschleudert werden. Nun erschien mit nur geringer Verspätung nach dem bulgarischen Original ein Roman mit dem nicht eben werbewirksamen Titel Ja. (Wellhöfer Verlag). Der könnte unser Bild korrigieren. Der Autor, Nikolaj Tabakow, hat allerlei bulgarische Preise erhalten. Einer in Deutschland wäre nun fällig, zumal die Übersetzung (Rumjana Zachariewa) sehr lesbar ist und mit knappen Anmerkungen dem gemeinhin nicht mit überbordenden Kenntnissen bulgarischer Verhältnisse ausgestatteten Deutschen hilft. Stotinki als kleinste Währungseinheit und Wassil Lewski als Freiheitskämpfer (und Fußballvereinsname) mögen noch bekannt sein, aber schon bei der Baniza verlässt uns jegliche Kochbuchweisheit.

Die Geschichte spielt in naher und ferner Vergangenheit, dem tiefsten Dunkel der Geschichte, in der lichten europäischen modernen Gegenwart und in einem Tal mit archaischen Besitzverhältnissen. Genau dort soll nun endlich die richtige Marktwirtschaft einziehen, doch diese stolpert dauernd. Über die Bewohner dieses Tales: den Burgherrn und Wunderheiler, die taffe Journalistin, die weiß, wie man auf der Medienklaviatur spielt, den Schriftsteller, der nicht sprechen kann, den zugezogenen Förster, der ein hintertupfiges Bulgarisch absondert, den italienischen Großkünstler mit einheimischen Wurzeln ... Das Figurenensemble ist so skurril, wie die Situationen, in die sie geraten und die Sprache so deftig, dass sich unsereiner fast wünscht, bulgarisch zu können.

Mannheimer Morgen:

Überrascht ist man, lange bevor das Buch zu Ende gelesen ist, angenehm überrascht, schon von der ersten Seite an: Die traurig schönen, manchmal auch magisch skurrilen Geschichten verschlagen einem den Atem, und die Sprache, erfinderisch und widerspenstig, vergegenwärtigt uns in einer Weise Menschen und Landschaften, als hätten wir es nicht mit Literatur, sondern mit dem Leben selbst zu tun.(...)

Birgitta Negel-Täuber (ekz-Informationsdienst 44/2013): Kamen Enev ist ein begnadeter Heiler, Bozhana eine ehrgeizige Schönheit, die in Sofia Karriere macht. Ihr Freund Wesko ist stumm, der Zahnmedizinstudent Danielli erkennt seine Berufung zum Maler. Das Personal im Roman des bulgarischen Autors ist hochbegabt, aber speziell. Was sie verbindet, ist ein versteckt liegendes Gebirgstal im Süden Bulgariens. Es bildet Ausgangs- und Fluchtpunkt, steht für Heimat und Aufbruch und ist gleichzeitig Metapher für die Geschichte Bulgariens. In mehreren Handlungssträngen wird leichtfüßig, manchmal burlesk die am Ende tragische Geschichte der Protagonisten und ihrer Heimat erzählt. Mystisches stößt dabei auf Moderne, die Stadt mit ihren Verlockungen bildet die Kontrastfolie zur - aufs Ganze gesehen - heilen Welt des Dorfes. Tabakov (geboren 1956, frühere Titel wurden nicht übersetzt) legt einen Heimatroman über eine abgelegene Gegend Europas vor. Leicht lesbar und gerne empfohlen (...)

Thomas Frahm:

Anfangs herrscht noch eine gewisse Fremdheit zwischen Buch und Leser, und diese Fremdheit ist nicht nur die Fremdheit der Welt, die Tabakov da vor uns entrollt, sondern es ist auch die ungewohnte Verwendung der deutschen Sprache. Übersetzerin Rumjana Zacharieva und Bulgarist Dietmar Endler haben sich entschieden für die Variante einer nicht nur maximal wortgetreuen, sondern auch in Syntax und Sound eng an das Original angelehnten Übersetzung. Dies ist gewöhnungsbedürftig, gibt aber dem, der sich einliest, die seltene Möglichkeit, wirklich zu erfahren, wie Bulgaren reden, denken und sich sonstwie artikulieren. Und obwohl der Autor seinen Figuren manchmal mit der Zurschaustellung seiner Klugheiten und Belesenheiten im Weg steht, decken der rein emotional handelnde und sich dem Schicksal seiner Begabung unterwerfende Wunderheiler Kamen Enev, der rational berechnende Jurist und Schriftsteller Wesko Maslarov, der furchtlose Riese Krum, der im Stramtal die Forstaufsicht und das Jagdwesen führt, sowie die starken Frauengestalten des Buches von der fleißigen Klatschbase Nedjalka bis zur Karrierefrau Bozhana Urtypen des Menschlichen ab, die mühelos kulturelle Barrieren überwinden und uns für sich einnehmen, bis wir alle Bedenken vergessen und nur noch wissen wollen, wie es weitergeht mit ihnen.



Erste Rezension:

Rahmensprengend

Fast physisch ist der Roman des in Bulgarien gut bekannten Schriftstellers Tabakov, der mit diesem Buche erstmals auf Deutsch erscheint, den Rahmen sprengend. Sprachlich üppig, bildreich, assoziativ, mit einer Vielzahl von Figuren, mit dem Wechsel in den Formen von Liebesgeschichte zu Geschichtsunterricht, zu teils fast schnodderigem Dialog mit dem Leser bis hin zu sanften Szenen und hier und da gesetzten, tiefen philosophischen Grund-Sätzen.

Mit einem Spiel mit den Figuren, dass auch harte Brüche setzt, eigenartige Charaktere auftreten lässt, Leben in stetiger Tradition und sprunghafter Moderne nicht nur im Gesamten in Reibung treten lässt, sondern auch in den einzelnen Personen für Spannung sorgt.

Wie beim Jura Studenten Wesko, der ins Dorf Roggen im Tal Stram zurückkehrt zu seinen Eltern. Der mit den beiden ungleich langen Beinen, der, der sich bei einem Dorffest unrettbar in die Schönste des Dorfes, in Bozhana verliebt. Der von der „Dorfjugend“ auf den Tod vermöbelt wird, von Kamen Enev (einem „Heiler“, vielschichtigen Menschen, zudem der urkundliche Besitzer des Tales aus Familienerbe heraus) „zurückgeholt“ wird. Nur, dass er seine Sprache verloren haben wird. Nur, dass nun Bozhana seine Gefühle erwidert. Der sich auf dem elterlichen Hof einrichtet, als Schriftsteller Weltkarriere macht. Der Stolz der Eltern, der für schwerste, tödliche Enttäuschung dennoch sorgen wird.

Was bis dahin wie ein Heimatroman wirkt des „guten Jungen“, der das „schönste Mädchen“ mit „Schicksal“ erobert, wendet sich umgehend, als Bozhana diese Liebe aufkündigt, Karriere bei den Medien macht und sich noch nicht einmal erklärt. Selbst da noch legt Tabakov seinen Wesko harmonisch an, bis plötzlich gesammelter Hass, Frustration, Rache im Raume stehen. Die sich, schwer erklärbar, nicht vordergründig (hintergründig schon) gegen das Mädchen richten (wobei auch diese Geschichte nicht zu Ende gesponnen ist), sondern sich unversöhnlich gegen den „Heiler“ wenden. Der hat ihn ja „stumm“ gemacht, oder?

Eines ist bereits hier schon klar: Äußerer Erfolg, eine Karriere, erweckt nicht jenen inneren Frieden und ein „zu sich selbst finden“, das alleine dem Menschen Ruhe geben kann. So entfalten sich Wesko, Bozhana und Enev als die tragenden Figuren dieses Romans, in deren nicht ausreichenden „äußeren Erfolgen“ und deren innerem Erleben und gegenseitigem Beziehungsgeflecht Tobakov das Leben selbst wie es ist, wie es sein kann und woran es zugrunde zu gehen droht intensiv abhandelt. Wie in der im zweiten Teil des Buches bestimmenden Geschichte vom Versuch, das Tal „zu kaufen“. Als könne man das Leben kaufen und in einen Palast sperren.

Die Leitfrage des Romans im Gesamten wird so zum Angelpunkt aller Geschichten im Buch. „Wie soll man leben?“. Mit nur mühsam und schwer zu erringenden Antworten.

Liebesgeschichten, bei der die Liebe nicht in die Tiefe reichen und manchmal doch. Ein stetiges Leben in den Traditionen im Tal und Ausbrüche aus demselben. Neid und Missgunst, Kämpfe und vermeintliche Siege, die Niederlagen sein werden. Eine Verweigerung jeder Wendung zum Happy End hin in den vielen kleinen Geschichten, welche die große Geschichte tragen. Wie aber soll man nun leben?

„Und Du, was willst Du? Leben oder einfach übrig bleiben?“, So schleudert es Tabakov durch seinen Roman auch dem Leser entgegen.

„Wer aber einsam ist, der hisst früher oder später die weiße Fahne, und mag er noch so hart verpackt sein.“ Und findet doch dann nicht „einfach so“ zur Gemeinschaft und zum Glück.

Einerseits also eine massiv resignative Unternote, was das „Gute und Leben mit Liebe“ im Menschen angeht und andererseits ein Buch voll Hoffnung darauf, dass der Mensch über sich hinauswachsen kann.

In einer üppigen, manches Mal aber auch überfordernden, überbordenden Sprache, die den Leser hier und da mehr herausreißt aus dem konkreten Geschehen, als ihn emotional bei der Stange zu halten. Mit Entwicklungen und Brüchen in den Personen und den Beziehungen, die manchmal nicht leicht zu verdauen sind und kaum vorhersehbar einfach stattfinden.

Und dennoch eine fesselnde Lektüre, die kaum aus der Hand gelegt werden kann, bevor nicht klar ist, was die Roma im Wald noch beizutragen haben, wie sich „Gevatter Wolf“ zwischen Liebe und Freundschaft hin- und hergerissen Freiraum verschafft und wie wenig es bedeuten wird, wem das Tal letztlich „juristisch“ gehört.

Alles in allem, auch wenn hier und da ein zuviel an assoziativer Kraft und Änderung der inneren Ausrichtung der Personen im Raum steht, ein anderes, intensives, Formen durchbrechendes und sprachlich üppiges Leseerlebnis, dass den Leser nicht loslässt.

Rezensent: Michael Lehmann-Pape, Leverkusen