Keinen Fisch! Story von Meinrad Braun


Aus Europabrevier 1 (2.Auflage 2013):

Keinen Fisch!
von Meinrad Braun

Ich sitze mit Wolle in der »Jägerlust«. Heute ist Viertelfinale gegen Spanien. Es ist noch heiß, die Sonne steht tief zwischen den Kastanien. Ihr Licht wirft Blätterschatten auf Wolles gelb kariertes Hemd.

»Schön braun bist du«, sage ich. »Wie war's in Lanzarote?«

Wolle antwortet nicht, aber so ist er manchmal. War auch nicht ernst gemeint, er ist ja beruflich dort gewesen. Wir trinken Bananenweizen und haben einen guten Platz mit freier Sicht auf die große Projektorenwand. Public Viewing. Die »Jägerlust« ist schon ziemlich voll. Im Moment läuft Werbung, keiner schaut hin. Nein, es ist die Respektkampagne mit den Trikots, unter denen alle Rassen der Welt rauskommen, wenn sie sie nacheinander an und wieder ausziehen.

Wolle. Immer wenn ich mir ihn in Uniform vorstelle, muss ich grinsen, er sieht eigentlich überhaupt nicht so aus. Eine Bedienung läuft an uns vorbei, wirft uns einen Blick zu.

»Was nimmst du?«, frage ich.

»Ich weiß nicht«, sagt Wolle.

Ich schiebe ihm meine Speisekarte rüber, obwohl eine neben ihm liegt.

»Ich glaube, ich nehm’ den Seelachs mit Kartoffelsalat«, sage ich.

Wolle sagt nichts. In den ersten zwanzig Sekunden fällt mir das nicht auf, ich denke, er überlegt noch. Aber Wolle sagt etwa eine Minute lang nichts, er schaut bloß vor sich auf den Tisch, dorthin, wo die aufgeklappte Speisekarte liegt und ich sehe ihn so lange an, seine gerunzelten Brauen, sein komisch ausgestreckter Zeigefinger, den er sich immer an die Nase hält. Weil ich darauf warte, dass er reagiert, also auf meine Mitteilung eben: dass ich Seelachs mit Kartoffelsalat essen will, worauf jeder irgendwas sagen würde, aber Wolle sagt nichts.

Die Bedienung hat in der Minute, von der ich eben gesprochen habe, schon mal bei unserem Tisch gebremst, sie beschleunigt aber wieder, als sie sieht, dass Wolle noch nicht so weit ist.

»Und du?«, hake ich schließlich nach.

Wolle schaut mich an, nimmt den Zeigefinger von seiner Nase.

»Macht es dir was aus«, sagt er, »wenn du keinen Fisch bestellst?«

Ich grinse ihn an. Aber er schaut an mir vorbei, also kommt wohl kein Witz hinterher.

Von der Bildschirmwand hört man ein lautes Tröten und das Aufheulen von ein paar tausend Stadionzuschauern. Die Spieler kommen rein. Das Spiel ist in München, wir sind Gastgeber.

»Ob es mir was ausmacht?« sage ich. »Wie meinst du das. Soll ich keinen Fisch essen oder was?«

Wolle guckt rüber auf den Bildschirm.

Die Spanier, in Rot-Blau, stellen sich auf dem Rasen nebeneinander auf. Man hört den Lärm, den die Zuschauer im Stadion machen. Vuvuzelas sind ja eigentlich verboten inzwischen, aber die halten sich nicht dran. Links und rechts von uns knirscht es im Kies. Die Gäste in der »Jägerlust« drehen jetzt ihre Stühle zum Bild, denn unsere stehen inzwischen auch in der Linie, und die Bayern-Fans, also mindestens das halbe Stadion, probieren eine Laola-Welle dazu.

Hinter dem kleinen Lahm schwimmt der blonde Schopf von Schweinsteiger ins Bild rein, dann kommt Boateng mit seinen Tätowierungen, am Schluss Neuer, der sieht immer cool aus. Als Torhüter hat man am meisten Stress, denke ich mir immer. Egal ob man am Gewinnen oder am Verlieren ist.

Als nächstes wird gesungen. Ich denke, Schweinsteiger wird mitsingen, Lahm nicht.

»Ich vertrage keinen Fisch«, sagt Wolle auf einmal.

Dafür hat er jetzt noch einmal zwei Minuten gebraucht.

Ich nehme einen Schluck von meinem Weizen, es ist warm geworden. Ich trinke es vollends aus.

»Du musst ihn auch nicht vertragen«, sage ich. »Schließlich esse ich ihn, und ich vertrage ihn auch.«

Wolle schüttelt den Kopf.

Er schaut noch einmal rüber auf die Leinwand, sein Zeigefinger sucht wieder nach dem rechten Nasenflügel, es sieht aus, als müsse er darüber nachdenken, ob er sich kratzen soll oder nicht.

»Der Geruch«, sagt er. »Ich vertrage den Geruch nicht.«

Die Bedienung stellt sich neben unseren Tisch. Sie haben hübsche Bedienungen in der »Jägerlust«. Blonde lange Haare, wippender Gang. Ich tippe auf Russinnen. Genauer gesagt, auf Ukrainerinnen, die sollen ja oft blond sein, aber wahrscheinlich färben sie sich ohnehin alle die Haare. Die Bedienung lächelt uns kumpelhaft nacheinander an und zieht die Augenbrauen hoch.

»Ich nehme den Wurstsalat«, sage ich.

»Ich nichts«, sagt Wolle.

»Okay«, sagt die blonde Bedienung.

»Und so eins noch«, sage ich. Die Bedienung nimmt mir das leere Weizenglas ab, das ich ihr entgegenhalte.

»Danke«, sagt Wolle zu mir, nachdem die Bedienung gegangen ist.

Dazu macht er eine komische Bewegung mit der Hand, die ich bei ihm nicht kenne.

»Seit wann isst du keinen Fisch?«

»Seit Lanzarote«, sagt er.

»Fischvergiftung?«, frage ich.

Auf der Leinwand sieht man jetzt nacheinander die Gesichter der Spanier beim Absingen ihrer Nationalhymne. Anscheinend singen alle mit, oder sie bewegen wenigstens den Mund, weil sie ja wissen, dass sie gefilmt werden, sogar Iniesta singt.

»Nein«, sagt Wolle. »Keine Fischvergiftung.«

»Ja, was dann?«

Ich grinse Wolle an, weil ich denke, da muss doch noch was kommen. Wolle hat so einen trockenen Humor, erzählt öfter Polizeiwitze. Er kann so einen Witz schon mal längere Zeit in der Röhre behalten, ehe er ihn rauslässt.

»Es ist weil - wir mussten immer die Leute aus dem Wasser – also die Leichen meine ich, die mussten wir aus dem Wasser raus holen.«

»In Lanzarote?«

»Das ist 'ne Vulkaninsel, es gibt 'ne Menge Klippen davor, und die Boote fahren nachts dagegen und kentern. Die kommen ja auch immer nachts.«

Die Spanier haben inzwischen zu Ende gesungen. Das Deutschlandlied erklingt. Ein paar im Biergarten stehen auf, danach immer mehr, das hat so einen Herdeneffekt. Ich spüre, dass ich jetzt entscheiden muss, ob ich auch aufstehe. Würde ich auch machen, einfach wegen der Stimmung - das heißt ja weiter nichts außer Stimmung, aber ich schaue Wolle nochmals an und entscheide mich dafür, sitzen zu bleiben. Wolle hat das mit dem Aufstehen gar nicht mitgekriegt, er guckt wieder dauernd auf den Tisch, als wäre da was.

»Die Spanier haben solche Thunfischreusen«, macht er weiter. »Das sind große Drahtnetze, die verankern sie außerhalb der Dreimeilenzone, damit die Leichen sich da drin verfangen, die sollen nicht an den Strand treiben, da ist Badebetrieb. Die Hotels und alles. Manche hängen für Wochen in den Reusen, es sind ja ziemlich viele. Etwa die Hälfte von denen, die rüberkommen, schaffen es nicht. Wir kamen da überhaupt nicht mehr hinterher.«

Ich sehe auf der Projektorenwand in Großaufnahme das Gesicht von Schweinsteiger. Der singt gerade »Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand«, die Kamera bleibt bei ihm, bis beim »a« sein Mund ganz weit aufgeht. Alle wissen ja, dass er mitsingt und auch der Kameramann weiß es. Bei Schweinsteiger stelle ich mir immer vor, er steht dahinter, aber das weiß natürlich kein Mensch, er wird’s auch nicht erzählen, warum sollte er. Jetzt noch der Refrain, Müller singt nicht, Kroos auch nicht und Neuer nicht. Der ist total angespannt, man sieht es ihm an.

»Wir mussten sie mit Stangen aus den Netzen rausziehen«, fängt Wolle wieder an. »An der Stange ist ein Eisenhaken, eigentlich werden die für Thunfische genommen. Am Unterkiefer muss man anhaken, das ist die beste Stelle. Am Haken kommen sie dann hoch ins Boot, die sind zum Teil sehr schwer, das geht kaum alleine. Und dabei fällt manchmal ein Arm oder ein Bein ab, wenn sie länger im Wasser waren. Im Boot werden sie anschließend sortiert.«

»Sortiert?«, sage ich.

»Ja, sortiert. Nach den Köpfen. Nach einiger Zeit hat man's raus - also, was das für 'ne Kopfform ist. Die Äthiopier oder Somalier, die haben lange Köpfe, die Kenianer, die sind mehr viereckig, danach werden sie eben sortiert. Am Anfang war immer ein Arzt dabei, ein Pathologe. Aber der hatte dann keine Lust mehr, nachts raus zu fahren, es muss ja nachts sein wegen der Touristen. Die werden unruhig, wenn tagsüber drei Rotkreuzschiffe vor der Küste hin und her fahren. Wir haben dann selber sortiert, ist auch eigentlich nicht besonders schwer.«

»Wozu werden die denn sortiert?«

»Für die Rückführung. Dafür gibt's die Leichenprämie von der EU. Man weiß halt nicht, woher sie kommen, die haben ja keine Papiere in der Tasche. Am einfachsten ist es, wenn die Äthiopier oder Somalier von Äthiopien oder Somalia abgenommen werden und die Kenianer von Kenia und so weiter, obwohl man das manchmal nicht so einfach auseinanderhalten kann. Das sind ja zum Teil Mischlinge und die nimmt dann halt irgendwer. Jedenfalls müssen sie irgendwo hin. Sollten auch keine überzähligen Arme und Beine dabei sein, sonst machen die Abnehmer Ärger.«

Mein Wurstsalat kommt, zusammen mit dem Anpfiff. Ein paar Vuvuzelas dröhnen los und auch in der »Jägerlust« spürt man, dass es jetzt ernst wird. Alle gucken zur Leinwand hin. Bloß kein spanisches Tor in den ersten zehn Minuten. Man sieht, dass die Spanier gleich Druck machen, aber Deutschland macht es richtig, sie lassen sie nicht zu dicht 'ran ans Tor, da sind die Spanier brandgefährlich. Und wenn sie kein frühes Tor hinbekommen, werden sie nervös. Dann haben wir eine Chance.

Ich will mir meinen Wurstsalat vornehmen. Aber da kommt vom Bildschirm her ein Aufstöhnen, als hätte ein Riese gerade eins in den Magen bekommen, und wie ich hingucke, sehe ich gerade noch, wie Neuer sich lang macht und der Ball eine Handbreit über der Latte vorbeizischt. Mein lieber Mann. Piqué war das, aus fünfundzwanzig Meter Entfernung. Spuckt auf den Boden, Dreitagebart. Das Stadion tobt. Ich sagte ja, brandgefährlich.

»Und was hat das Ganze jetzt mit den Fischen zu tun?«, frage ich Wolle.

»Na ja«, sagt Wolle. »Es kommt einem so vor, als würde man mit den Haken Fische aus dem Wasser holen und es stinkt auch genau so. Wie verdorbener Fisch. Und angefressen sind sie auch von den Fischen. Manchmal sieht man im Wasser einen ganzen Schwarm an so 'ner Leiche fressen, wenn man gerade die Lampe drauf richtet. Eine Woche lang konnte ich das Ganze ganz gut ab, aber dann passierte das mit dem Mädchen. Wir sind immer nur eine Woche im Turnus dran, und am letzten Tag hatte ich das Pech mit dem Mädchen.«

»Ne Kollegin?« sage ich. »Das ist ja eigentlich kein Job für 'ne Frau, oder?«

Wir sind jetzt endlich mal drin in der Hälfte der Spanier, aber es wird nichts, sie passen bloß hin und her. Man hat das Gefühl, sie wollen einfach nur den Ball behalten, zu mehr reicht es im Moment nicht.

Wolle guckt immer noch auf den Tisch. Meine Frage hat er gar nicht gehört.

»Sie schwamm alleine vor dem Netz im Wasser«, sagt er. »Gesicht nach unten. Ganz nackt, bis auf ein paar rote Fetzen von 'ner Bluse um die Schultern. Ich dachte, leicht wie die ist, kriege ich sie alleine hoch und hatte sie auch gleich am Haken. Beim Reinziehen blieb alles an ihr dran, die Arme und die Beine meine ich. Als ich sie oben hatte, hab' ich sie mit dem Haken über das Deck gezogen, rüber zur Bordbeleuchtung, damit ich weiß, auf welchen Stapel sie kommt. Sie war höchstens zwanzig oder jünger, so 'ne Somalierin, ganz schlank und schmaler Kopf, und als ich sie unter dem Scheinwerfer hatte, genau in dem Moment, wo das Licht auf ihr Gesicht fällt, macht sie den Mund auf. Es hat gerade so ausgesehen, als wenn sie auf einmal was sagen möchte. Ihre Augen sind zu, aber aus ihrem Mund, wie der aufging, kommt was Weißes raus. Erst dachte ich, das ist ihre Zunge, aber es war so ne Art weißer Aal mit schwarzen Knopfaugen. Kommt raus, fast einen Meter lang, und schlängelt sich fort über das Deck.«

Ich schaue mir meinen Wurstsalat an.

Wolle sieht mir dabei zu, wie ich meine Gabel mit den aufgespießten Wurststreifen und dem halben Zwiebelring daran wieder zurück auf den Teller lege.

»Da fing das an«, sagt er.

Sein rechter Zeigefinger zieht eine unsichtbare Linie über das Wachstuch, die kurz vor meinem Teller endet.

»Dass ich keinen Fisch mehr ab konnte. Die Spanier essen ja andauernd Thunfisch, das schmeckt eigentlich nicht schlecht, die machen den wie Steaks. Aber ich konnte den Geruch nicht mehr ertragen. Ich musste sofort raus und kotzen gehen, wenn ich Fisch gerochen habe. Entschuldige, aber genau so war es.«

Ecke für uns. Müller tritt an, der Ball segelt über das Rudel rot-blauer und weißer Spieler hinweg, die vor dem Tor in die Höhe springen und Gomez spurtet los, aber keiner kommt an den Ball ran, er geht ins Tor-Aus. Abstoß für Spanien.

»Das ist noch nicht wieder weg«, sagt Wolle.

„Jedes Mal, wenn irgendwas mit Fischen ist, also im Fernsehen oder so, das kann ich mir nicht ansehen. Und auf dem Teller, das geht gar nicht.«

Er nickt ein paar Mal mit dem Kopf, ohne mich anzusehen.

Wäre gar nicht nötig, ich glaube ihm das sofort.

Wir haben danach jeder noch ein Pils getrunken. Den Wurstsalat habe ich stehen lassen. Spanien hat übrigens gewonnen, zwei zu eins. Verdient, muss man leider sagen.