Herbst 2013: 10 Jahre "Engelszungen" - Jochen Hörisch: Grenzüberschreitungen


Laudatio auf den Träger des Chamisso-Förderpreises 2005 Dimitré Dinev


In Chamissos berühmtestem Werk gibt es eine ihrer eleganten Schlichtheit zum Trotz recht rätselhafte Passage. Peter Schlehmil hat „auf Erden kein Ziel, keinen Wunsch, keine Hoffnung“ mehr und ähnelt schon deshalb vielen Protagonisten der Prosa von Dimitré Dinev. Doch Peter Schlemihl, der in jedem Wortsinne Irrende, bleibt nicht gänzlich ungetröstet – auch wenn der Trostspender, der ihn begleitet, auf den ersten Blick eben deshalb unheimlich ist, weil er so bescheiden, höflich und respektabel daherkommt.

Schlemihl berichtet: „Es gesellte sich bald ein Fußgänger zu mir, welcher mich bat, nachdem er eine Weile neben meinem Pferde geschritten war, da wir doch denselben Weg hielten, einen Mantel, den er trug, hinten auf mein Pferd legen zu dürfen; ich ließ es stillschweigend geschehen. Er dankte mir mit leichtem Anstand für den leichten Dienst, lobte mein Pferd, nahm daraus Gelegenheit, das Glück und die Macht der Reichen hoch zu preisen, und ließ sich, ich weiß nicht wie, in eine Art von Selbstgespräch ein, bei dem er mich bloß zum Zuhörer hatte. / Er entfaltete seine Ansichten von dem Leben und der Welt und kam sehr bald auf die Metaphysik, an die die Forderung erging, das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei. Er setzte die Aufgabe mit vieler Klarheit auseinander und schritt fürder zu deren Beantwortung. (...) Nun schien mir dieser Redekünstler mit großem Talent ein fest gefügtes Gebäude aufzuführen, das in sich selbst begründet sich emportrug und wie durch eine innere Notwendigkeit bestand.“

Kein Zweifel: Schlemihls zu Fuß gehender und erdverhaftet scheinender Begleiter lebt intellektuell auf der Höhe seiner Zeit. Offensichtlich ist er, anders als Schlemihl, der seine einschlägige Distanz willig zugibt, ein kompetenter Rezipient und Anhänger der damals und nicht nur damals florierenden Systementwürfe etwa Fichtes, Schellings oder Hegels. Er, der Fußgänger, ist ein transzendenzlastiger Metaphysiker, der ergründen will, was die Welt im Innersten zusammenhält und wie das Wort lautet, das aller Rätsel Lösung ist. Zu den Überraschungen, die Chamissos immer erneut produktiv befremdliche Prosa bereithält, zählt auch diese: dass der Schlemihl begleitende Systemphilosoph kein anderer als der satanische Mann im grauen Rock ist, der ihm den Schatten und die Seele abhandelte.

Man kann dieses Motiv Chamissos mit Fug und Recht als ein freundlich-freches charakterisieren. Ausgerechnet die idealistischen Systementwürfe mit ihrer Akzentuierung moralischer, rationaler, selbstbewusster Transzendental-Integrität rechnet die romantische Novelle einem Projekt zu, für das der Teufel Sympathie hegt. In der Mitte von Dinevs jüngstem Erzählband Ein Licht über dem Kopf findet sich nun eine der romantischen Prosa Chamissos wahlverwandte Erzählung, die allein schon zur Begründung ausreichen würde, ihrem Autor den Chamisso-Förderpreis zu verleihen – mit einer freilich gewichtigen Einschränkung: was soll da noch der Förderung bedürfen? Die Erzählung steht unter dem Titel Von Haien und Häuptern, sie spielt souverän mit den Grenzüberschreitungen, die Delphin-, Walfisch-, Jonas-, Dionysos- und andere Mythen provozierten und ihrerseits durchmachten, und sie fragt listig danach, warum eine uralte Haifisch-Mythe versandete. Weil, so die hintergründige Antwort, die der studierte Philosoph und poeta doctus Dinev gibt, der Vater rationalen Denkens eine eigentümliche Erfahrung machte.
„Verbreitet wurde auch, daß Descartes, bevor er seine Meditationen schrieb, folgendes Selbstgespräch eines Narren belauscht habe: / Der Narr: In meinem Kopf haust etwas mir völlig Fremdes, eine andere Substanz, ich hoffe, es ist keine ausgedehnte. Mein Gott! Da drinnen ist ein Hai, der meine Gedanken speist. Aber, du Hai, wenn du alles frißt, wird es ja nichts mehr geben. / Der Hai: Warum nichts? Mich wird es geben. Hab keine Angst, deine Gedanken verschwinden nicht. Ich mache sie zu meinem Inhalt. Bei mir sind sie besser aufgehoben. Wenn du etwas brauchst, findest du es in mir. / Der Narr: Soll ich dich Ichthys nennen? / Der Narr: Nenn mich einfach Ich.“

Das griechische Wort Ichthys (Fisch) ist bekanntlich ein Akrostichon für den Menschen- und Seelenfischer Iesous Christos (Theou Yieos Soterios - Sohn Gottes Erlöser). Und der alttestamentarische Gott ist derjenige, der sich als „Ich bin der Ich bin und sein werde“ benennt bzw. nicht benennt, der sich also mit einer göttlich-autokratischen Formel bezeichnet, die die Selbstbewusstseinsphilosophie Fichtes später in cartesianischer Tradition zur „Ich=Ich“-Formel demokratisiert, ja sozialisiert hat. Der kluge Spaß, den sich Dinevs Erzählung erlaubt, wenn sie ausgerechnet einem von Descartes belauschten Narren die Ich-Seligkeit in den Mund legt, besteht darin, das Fremde im Selbst und das selbst im Fremden zu entdecken. Das geschieht nicht etwa, indem die mittlerweile inflationär zitierte Rimbaud-Formel „Ich ist ein anderer“ nochmals bemüht wird, sondern indem Dinev so suggestiv wie geistreich davon erzählt, in wie viele Entfremdungs- und Grenzüberschreitungsgeschichten wir verstrickt sind.
Dinev kombiniert eine uralte und eben deshalb ungemein frische Lust am Erzählen mit Geist, Witz und mit einer Lebensfreundlichkeit, die viel zu sehr mit Erdenschwere, Leid und Endlichkeit vertraut ist, um harmlos zu wirken. So leserfreundlich kann der Geist der Erzählung die Glocken läuten und das Licht über dem Kopf erstrahlen lassen.

Dimitré Dinevs funkelnde Prosa ist ein besserer Begleiter bei Grenzüberschreitungen aller Art als der Mann im grauen Rock, von dem Chamisso erzählt. Denn sie versteht es, uns aus dem Haifischbecken der irreführenden Abstraktionen zu befreien, indem sie klug davon zeugt, in welche Unter- und Übergangsgeschichten wir, die wir nach den Epochendaten 1989 und 9/11 leben, verstrickt sind.
„Josef Schutt war Maurermeister. Er war in Wien zur Welt, durch die Ohrfeigen seiner Eltern zur Vernunft, mit viel Mühe zu einem Schulabschluß, durch Trägheit zu seinem Beruf, im Prater zu seinem ersten Kuß und durch einen Leichtsinn zu Frau und Kind gekommen.“
So dicht, drall, drastisch und dramatisch klingen die Erzählungen des 1968 in Bulgarien geborenen österreichischen Autors Dimitré Dinev, der in Plovdiv ein zweisprachiges (bulgarisch-deutsch) Gymnasium besuchte und sich früh mit der Sprache aus der Fremde so anfreundete, dass er sie zu seiner Literatursprache machte. Wofür sie sich herzlich dadurch bedankte, dass sie den Autor, der sich ihr anvertraute, mit narrativen Engelszungen versah.

Engelszungen ist denn auch der vielsinnige Titel des Romans, mit dem sich Dimitré Dinev 2003 einen Namen machte – ein Epos, das von Überschreitungen der Grenzen nicht nur zwischen Ländern und Machtblöcken, sondern auch zwischen Generationen, zwischen Lebensstilen, zwischen Stimmungen, zwischen Tod und Leben, zwischen Sakralem und Profanen, zwischen Witz und Ernst, zwischen Lust und tiefer Trauer berichtet. Ein Epos aber auch, in dem das romantische Motiv in postromantische Zeiten gerettet und moduliert wird, danach wir, wohin immer wir gehen, nach Hause gehen und ankommen.

Die Erzählungen in Dimitré Dinevs neuem Buch mit dem vieldeutigen Titel Ein Licht über dem Kopf (man kann aus vielen Gründen Sterne sehen und glauben, Erleuchtungen zu haben) umspielen alle mitsamt das Motivfeld, das im Wort „kommen“ angelegt ist. Zu etwas kommen, endlich ankommen, zu einem Ent/Schluss kommen, herauf- und herunterkommen, völlig verkommen sein, Un/Recht bekommen, aber durchaus auch im erotischen Sinne kommen: Dinevs Prosa ist lebensdrall und lebenssatt, wortmächtig und witzig, trostspendend und trotzig in jedem Wortsinne. Selbst ein Maurermeister, der da Schutt heißt, kann in Erfahrungsbereichen ankommen, die ihm nicht an der Wiege mitgegeben und die in seinem Namen nicht vorgesehen waren.

Das Zeugma, also die syntaktische Zuordnung mehrerer semantisch divergierender Satzteile zu einem übergeordneten Satzteil, ist die rhetorische Lieblingsfigur von Dimitré Dinevs Prosa. „Das Auto putzt er, die Frau liebte er. (...) Olga bekam viele Blumen, der Junge einen Namen. Wesselin.“ So heißt es zu Beginn der Titel-Erzählung. Sie berichtet von Plamen Svetlov, der sich in Zeiten, da aus den Geschäften die Lebensmittel, aus den Banken das Geld und aus den Menschen die Menschlichkeit verschwindet, mehr schlecht als recht als Fahrer eines Leichenwagens und dann mehr recht als schlecht als Taxifahrer durchschlägt, durch einen Schlag auf den Kopf sein geliebtes Auto und die Besinnung verliert, in einen Ikonen-Diebstahl und anschließend in den alltäglichen Gefängnis-Stumpfsinn verwickelt wird, einen Hafturlaub unziemlich ausdehnt, sich sein Fetischwort „Taxi“ an delikatester Körperstelle eintätowieren lässt, als Wesselin-Vater im Westen ankommt, wo ihm erneut allzu viele Lichter aufgehen, als Polizisten, die nach seiner Identität fahnden, sein Haupt mit einem Telefonbuch voller Namen und Nummern traktieren.

Solche Geschichten aus dem beschädigten Leben läsen sich fast ein wenig zu drall und prall, wenn sie nicht mit bemerkenswert kunstvollen, da gerade nicht ostentativ merklichem Hintersinn durchzogen wären. Der Leichen- und Taxifahrer ist auch eine Charons-Figur, die einen Transfer zwischen Unter- und Oberwelten, zwischen himmlischen und irdischen Sphären organisiert, ein Charon, der sich auf seinen Todes-, Lebens- und Liebesfahrten selbst begleitet. Fast alle Protagonisten Dinevs sind, wie ihr Verfasser, in Wien, also der Stadt der Chiasmenbildungen zwischen Leben und Tod, angekommen. Ließ doch schon der junge Hofmannsthal, ganz anderen genera dicendi als Dinev verschrieben, aber ein Grenzüberschreiter nicht nur zwischen poetischen Gattungen auch er, in seinem lyrischen Drama den ersichtlich beredt und gescheit gewordenen Toren zum Tod sagen:
„Es sei, gewähre, was du mir gedroht! / Da tot mein Leben war, sei du mein Leben, Tod!“
Die ebenso riskanten wie reizvollen Grenzgänge zwischen einem todverfallenen Leben und einem Dasein, das den Tod getötet hat und nach Traumatisierungen aller Art neue Formen der Lebenskunst erprobt, sind die eigentlichen Themen von Dinevs Prosa. So wie in einer drastischen Erzählung aus Ein Licht über dem Kopf auf einer gespenstischen Totenwache, dionysischem Alkoholkonsum sei Dank, der Tote belebt und die Lebenden totenbleich und -gleich werden, so schreitet Dinevs Zeugma-Prosa die porösen Grenzen zwischen Lebenskunst und Sterbenskunst in und trotz finsteren Zeiten ab.

Dinevs Prosa ist Grenzüberschreitungs-Prosa – nicht nur, weil sie häufig von osteuropäischen Immigrantenschicksalen berichtet. Ihr schwant, dass Orpheus auch zu Beginn des dritten Jahrtausends eine, seine Botschaft bereit hält: bei völliger Illusionslosigkeit über den Stand der Dinge doch der Kunst des Lebens und der Liebe die Treue zu halten und dem Tod keine Herrschaft einzuräumen über das Leben.
Dass die orphische Botschaft in unseren Tagen anders klingen muss als im antiken Griechenland oder im Wien des fin-de-siécle, ist Dinevs Prosa bewusst. Um aphoristisch zuzuspitzen: wenn das „Humankapital“ (umstrittenes „Unwort des Jahres“ 2004) langsam vom Finanz-Kapital lernt und umfassend mobil macht bzw. global mobil wird, sind andere Tonlagen angesagt als die von Chamisso und Hofmannsthal.
Dinev versteht es glänzend, unter ironisch-sarkastischen Tönen und Motiven orphischen Tiefsinn in den Beginn des dritten Jahrtausends hinüberzuretten und ihm zu grenzüberschreitendem Ausdruck zu verhelfen. Einfach schon deshalb, weil er mit seiner Erzähllust dafür einsteht, sich angesichts all der Katastrophen- und Schutt-Geschichten, in die wir verstrickt sind, nicht die Sprache verschlagen zu lassen. Anders als die vom Mann im grauen Rock geschätzte Sprache alles erklärender Systeme und Theorien weiß Dinevs Prosa, dass wir allenfalls über vorletzte Worte verfügen, weil es die Einsicht in die letzten Dinge nicht gibt.

Dinev erzählt Geschichten vor den letzten Dingen so intensiv, dass wir in Zeiten, die dafür sorgen, dass uns Hören und Sehen vergehen, Hören und Sehen wiedergewinnen. Und die Lust am Lesen und Leben sowieso.

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