Schenk mir ein Jahr ohne Weihnachten

Soll im Herbst 2016 beim S.Fischer Verlag erscheinen! Ein neues, vergnügliches Buch von Rumjana Zacharieva, das an die Primär-, Sekundär- und Tertiärtugenden englischer und amerikanischer Literatur erinnert: Schwarzer Humor, Sprachwitz und Doppelbödigkeit. Ein Geschichtenkranz um eine moderne Frau zwischen Männern, Kindern, russischen Zwergkaninchen, billigen Autos, teuren Versprechungen und dem Fest der Lieben und der Liebe – Weihnachten. Rumjana Zacharieva, Roman-, Hörfunkautorin, Lyrikerin, Übersetzerin aus dem und ins Bulgarische(n) lebt seit 1970 in Bonn. Sie ist unter anderem Mitglied im deutschen P.E.N. ...

Leseprobe:

Das Geschäft

Hand aufs Herz. Ohne es kannst du nicht leben. Du brauchst es. Es fehlt dir. So einfach ist das. Schreiben. Nur sind da die Aufgaben, die du jeden Tag erfüllen musst: Dich um die Kinder kümmern und für sie kochen, ihre Hausaufgaben beaufsichtigen, hinter dem Kater her sein und den kastrierten Fischen, Verzeihung, hinter dem kastrierten Kater und den Fischen, solange du den Kater noch nicht mit ihnen gefüttert hast. Eines Tages gehst du sogar zu einem Händler. Noch bevor er Gelegenheit hat, zu fragen, was er für dich tun kann, sagst du:
»Guten Morgen, ich brauche ein Auto!«
Er sieht dich an, versucht deine Gehaltsklasse einzuschätzen und sagt:
»Ich verstehe. Und – wie viel würden Sie gerne investieren, gnädige Frau?«
»Nun«, sagst du, »Herr …«
»Herr Simson, wenn sie gestatten!«
»Gut Herr Simson, ich brauche ein Auto!«
»Und welches Modell würden Sie bevorzugen?«
»Ich? Ein Modell bevorzugen?«
»Nun«, sagt er, »ich will damit sagen …«
»Ich weiß ganz genau, was Sie damit sagen wollen! Nur denke ich nicht im Traum daran, irgendein Modell gegenüber irgend-einem anderen Modell zu bevorzugen! Wenn es nach mir ginge, würde ich niemals irgendetwas mit irgendeinem Auto zu tun haben, aber …«
»Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber ich war der Überzeugung, Sie wollten eines kaufen.«
»Na klar will ich ein Auto kaufen! Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich mir kein Modell ausgesucht habe. Ich kann ja noch nicht einmal fahren! Ich habe keine Zeit, und Geld habe ich auch nicht.«
Er glotzt dich an und wiederholt: »Sie wollen ein Auto kaufen, ohne ein Fahrzeug steuern zu können, ohne etwas von Automobilen zu halten, ohne Zeit und ohne Geld dafür zu haben?«
»Genau! Sie haben’s. Ich kann Autos nicht ausstehen. Ich habe keinen Führerschein, ich habe weder Zeit noch Geld, und doch brauche ich ein Auto!«
Herr Simson atmet tief durch.
»Jetzt verstehe ich! Sie sind also zu uns gekommen«, sagt er erleichtert, »nicht um ein Auto zu kaufen, sondern lediglich, um uns mitzuteilen, dass Sie eines benötigen!«
»Nein, nein«, sagst du, »ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich eins brauche, also kaufe ich auch eins. Ich will es fahren, so lange wie möglich und dafür bezahlen, so wenig wie möglich. Außerdem sollte es Platz genug bieten für meine zwei Kinder, für den kastrierten Kater, für das Aquarium mit den Goldfischen, für meinen Vater, für den Korb voller Gläser mit frisch gekochtem Pflaumenmus, für unser Gepäck, und die zwei Vordersitze müssten zurücklegbar sein, damit wir notfalls alle darin übernachten können. Sonst kaufe ich es nicht!«
»So ist das also!«, sagt Herr Simson. »Ist das alles?«
»Ja.«
Inzwischen hast du völlig vergessen, dass du weder Geld, noch Zeit hast, dass du dich für Autos gar nicht interessierst und dass du noch nicht einmal Auto fahren kannst.
Herr Simson ist keineswegs geschockt. Er ist auch nicht er-staunt. Und noch nicht einmal unfreundlich. Er sagt einfach:
»Ich glaube, ich habe da genau das Richtige für Sie, gnädige Frau. Es gibt da ein paar winzige Abweichungen von Ihren Vor-stellungen, aber ich denke, es ist das richtige Auto für Sie. Und das für nur tausendfünfhundert Euro!«
Du triumphierst!
Würden Sie nicht triumphieren, wenn Sie alles auf einen Streich haben könnten, und das für nur tausendfünfhundert Euro?
»Allerdings«, schränkt Herr Simson ein, »gibt es da eine Bedingung.«
»Eine Bedingung?«
»Eine Bedingung!«
»Und was für eine Bedingung ist das?«
»Nun, der vorherige Eigentümer dieses Wagens lieferte ihn hier ab und sagte: Ich verkaufe Ihnen dieses Auto für tausend-fünfhundert Euro unter der Bedingung, dass Sie es ganz nehmen.«
»Natürlich nehme ich es ganz! Sie glauben doch wohl selbst nicht, dass ich es nur zur Hälfte nehme, oder?«
»Nein, dass gerade nicht, aber …«
»Ich nehme es ganz, mit allem, was darin, darauf, darunter und drum herum ist, wenn Sie es mir für tausendfünfhundert Euro verkaufen.«
»Einverstanden, gnädige Frau, dann gehen wir jetzt zum Wagen!«
Du gehst zum Auto. Dein Vater, der Autos liebt, der sie länger als zwanzig Jahre fährt und genügend Zeit hat, sich mit einem Auto zu beschäftigen, begleitet dich. Du nimmst es ganz, mit allem, was der vorherige Eigentümer darin, darauf, darunter und drum herum im Hof abgestellt hat.
Seit jenem Tag leidest du unter einem gewissen Platzmangel im Hause, aber du bist zufrieden. Der kastrierte Kater hat eine Gespielin bekommen, eine alte, fette Cockerspanieldame. Sieben ausgewachsene Zimmerpalmen zieren jede vorhandene freie Ecke deiner Wohnung, die siebte sorgt für frische Luft in deinem Badezimmer. Die Fische haben einen Hamster als Nachbarn bekommen und einen Käfig mit fünf frisch geworfenen russischen Zwergkaninchen(es ist ein großer Käfig), und du hast jetzt gar keine Zeit mehr zum Schreiben.
Vater benutzt das Auto, um zweimal wöchentlich zum Zoogeschäft zu fahren, um Futter für deine Tiere und Düngemittel für die Palmen einzukaufen. Die Kaninchen wachsen heran und beginnen, sich gegenseitig zu begatten, sodass du schon den Ausbau deiner Terrasse zu einer Kaninchenfarm eingeplant hast. Du hast alles. Und das für ganze tausendfünfhundert Euro!

Rumjana Zacharieva: Schenk mir ein Jahr ohne Weihnachten - Geschichten und Hörfunkbeiträge für das kleine Lachen zwischendurch;
Andiamo-Verlag Mannheim 2013, 120 Seiten, kartoniert, 9.80 Euro
ISBN: 978-3-936625-52-3