Rumjana Zacharieva liest in Mannheim

Die Rheinpfalz 12.Dezember 2012 (zum Vergrößern bitte anklicken):
13 Uhr 52 kommt der Zug aus Bonn pünktlich im Mannheimer Hauptbahnhof an. Ein Adventswunder an diesem 9.Dezember, um mich herum lauter betrübte Gestalten, denn fast alle anderen Züge – so scheint mir – haben zum Teil erhebliche Verspätung. Es hat geschneit, Rumjana Zacharieva entsteigt dem ICE und wir entern ein Taxi zum Hotel. Zeit genug, um zu reden, bevor die Lesung im Café Prag beginnt.

Bereits (oder erst, wie man es ja auch sehen kann) zum 12. Mal, also im zwölften Jahr hintereinander, lesen in der Reihe „Europa Morgen Land“ (Näheres auch bei Wikipedia) Autorinnen und Autoren, die Deutsch schreiben und veröffentlichen, aber nicht Deutsch als erste Sprache erlernt haben, dabei gleichwohl durch die Qualität ihres verschiedene Kulturen übergreifenden Schreibens neue Impulse gegeben haben und geben. Nach Ilir Ferra und vor Olga Grjasnowa, Ilija Trojanow und Lena Gorelik im Januar, Februar und März im Jahr 2013, begrüßen wir heute Rumjana Zacharieva - als Romanautorin; ihr vierter Roman ist gerade erst erschienen.

„Im Transitvisum fürs Leben", sagt die Autorin, „habe ich zunächst versucht, eine naive Ja-Sagerin darzustellen, stellvertretend für alle (nicht nur Ostblock-) Frauen der Welt, die einen Westler und gut situierten Mann unbedingt heiraten wollen, damit sie aus dem Sumpf ihrer Heimat gerettet werden. Und die, sobald sie geheiratet haben, ihre Träume von Studium, Kunst oder Literatur an den Nagel hängen.“ Und: „Für mich, im Unterschied zu meiner Mutter, war es eine Katastrophe, direkt nach meiner ersten, meiner großen Liebe, dem zukünftigen Vater meiner Kinder schon mit 15 zu begegnen und mit 20 Bulgarien zu verlassen, und mich als angehende Schriftstellerin, die zwischen 13 und 20 intensiv in der überregionalen Presse Bulgariens publizierte und als große literarische Hoffnung galt, in eine vollkommene sprachliche Isolation zu begeben. Ich konnte nämlich Bulgarisch, Englisch und Russisch, aber kein Deutsch.“

Der Roman basiert auf dem Hörspiel Transitvisum DURCHS Leben, das der WDR 1993 bereits sendete, und das dank zweier Stipendien - der Kunststiftung und des Kultusministeriums NRW zu einem Roman erweitert bzw. fertiggeschrieben werden konnte.

Mein Eindruck ist, dass Rumjana Zacharieva im Unterschied zu vielen anderen AutorInnen keinerlei Probleme damit hat, autobiografische und fiktive Momente in ihren Texten so zu mischen, dass einem warm ums Herz wird und man in Versuchung gerät, diese Mila und ihre Welt unbedingt näher kennen lernen zu wollen.
Mit Mila hat die Schrifstellerin ein Alter Ego entdeckt und entwickelt, eine Figur, die nun durch ihr erneutes Vorkommen in Transitvisum fürs Leben gleichsam die Hauptdarstellerin in einer Roman-Trilogie geworden ist: 7 Kilo Zeit, Bärenfell, Transitivisum fürs Leben.

Rumjana Zacharieva erzählt auch in ihren Kurzgeschichten und in ihrer Lyrik nichts anderes als ihr Leben, auch wenn natürlich auch die Fiktion im Spiel ist, weil sie die Umwege über das „rein Phantastische“ nicht braucht, um gute Literatur zu schreiben. Sie weiß nämlich, dass das rein „Phantastische“ selbst eine Fiktion ist, weil kein Mensch fähig ist, etwas zu fabrizieren was außerhalb seiner Wahrnehmung liegt, auch nicht in seinen Sehnsüchten. Für ihr Schreiben und Leben in der Fremde findet sie ein Bild: „Ein Bär findet einen Fisch an Land“, erzählt sie, „dreht und wendet ihn im Sand. Sagt zu dem Fisch: Du bist ein Fisch und kannst nicht schwimmen! Worauf der Fisch antwortet: Kein Problem, lieber Bär, ich will ja fliegen!“

Rumjana absolviert ihre Lesung im Stehen, gestenreich, impulsiv, überzeugend. Diese Frau trägt nicht ihr Herz auf der Zunge, sie ist ein Herz, ein Herz mit Narben, das sprechen kann. Über die Kindheit und Jugend, über das Älterwerden, über Sehnsüchte und Anpassung an das scheinbar Praktische, Naheliegende. Über dich und mich eben, auch wenn sie über sich, ihre Familie, ihre zwei Töchter und zwei Enkelsöhne spricht, die Realität und die Fiktion dabei kräftig durchrüttelt, ohne aber das eine mit dem andern zu verwechseln:
„In meinen satirisch-erotischen Kurzgeschichten Die geliehenen Strapse ist meine Protagonistin eine geschiedene Frau mit zwei Kindern, vier Männern und fünf russischen Zwergkaninchen. Sie ist polygam - ich bin monogam. Sie ist alles das, was ich nicht bin, oder nur schreibend bin, sie ist draufgängerisch - ich sehne mich ein Leben lang nach Ruhe und Sicherheit. Sie ist frech und mutig. Ich bin inzwischen die glücklichste Großmutter der Welt und in meinem Leben gibt es nur zwei wichtigste Männer: meine zwei Enkelsöhne Leonis (6) und Laurent (2 Jahre alt). Eins verbindet mich und diese meine Heldin: im Alltag, in der Realität fallen wir alle beide immer wieder auf die Nase.“

Freilich habe ich Rumjana Zacharieva auch als Übersetzerin aus dem Bulgarischen, als langjährige Literaturunterstützerin, Brückenbauerin, begrüßt, als Hörspiel- und Theaterautorin, vor allem aber als Lyrikerin, ist es doch die Lyrik, die ihr Schaffen und ihre Entwicklung bis heute begleitet und fundiert. Ihr neuestes Gedicht enstand auf der Herfahrt entlang des Rheins, und sie kündigt das Erscheinen eines neuen Lyrikbands im Jahr 2013 an.

Rasch erwärmen ihre Worte auch das vollbesetzte Café, füllt sich der Graben aus Skepsis mit aufgeschlossenem Interesse. Rumjana ist gerührt, über die Existenz dieser Lesereihe in den Städten Ludwigshafen und Mannheim, und da ist nichts Peinliches oder Anbiederisches in ihren Worten und Gesten. Sie sei zum ersten Mal in Mannheim, habe in diesem Jahr viele Lesungen absolviert, diese jedoch sei der Höhepunkt – und sie liest zum Abschluss:

Du hast mich endlich aufgeschlagen / vor dir. / Ich liege da – ein Buch / mit Seiten offen,/ breit auseinander, / angelesen. Mag sein, dass du mich schnell verschlingst. / Mal eben überflogen / werd ich landen im Regal / wie all die anderen vor mir. / Mag sein du nimmst dir Zeit, / mag sein du liest mich langsam, / deine Bettlektüre, / mag sein, ein Leben lang... / Ich werde dir so viel erzählen, / ich werde dir so viel verschweigen, / wie du aus mir heraus/ lesen / kannst.

Bernhard Wondra - stehend mit Amaryllis - vom Kulturamt der Stadt Mannheim bleibt der Reihe treu, auch wenn er in Altersteilzeit gegangen ist. Er wird feierlich mit Dank und Applaus für sein langjähriges Engagement für die Lesereihe Europa Morgen Land geehrt.
Der Buchhandlung Bender (Fam. Heeg und Fam. Schneider) wird gedankt, im Bild rechts Autor und Verleger Wolfgang Orians


© 2012 Klaus Servene


Die Rheinpfalz 12.Dezember 2012 (zum Vergrößern bitte anklicken):
Mannheimer Morgen 13.Dezember 2012(Morgenweb.de? Hier Klicken):
Mannheimer Morgen 28.Dezember 2012
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