"Ich will und werde der bleiben, der ich bin!" - "grenzenlos"- Interview mit Daniel Glattauer

Oktober 2012 - das Romandebüt von Stephan Weiner erscheint: Ellbogenland

Daniel Glattauer, 1960 in Wien geboren, schrieb mit den Romanen Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) zwei Bestseller, die in zahlreichen Übersetzungen weltweit gelesen werden. Im Frühjahr 2012 erschien Ewig Dein mit einer deutschsprachigen Startauflage von 200.000 Exemplaren. Stephan Weiner, 1984 in Neuss zur Welt gebracht, hat sein literarisches Debüt noch vor sich, sieht man von seiner Magisterarbeit über »Thomas Manns Reden in Weimar –1932, 1949, 1955« ab. Ein sicherlich bemerkenswerter Hospitant, Praktikant, Redakteur und »freier« Autor (www.schtiewo.com) im Gespräch mit und über den Schriftsteller Daniel Glattauer, über den man vieles sagen kann, aber vor allem eines sagen muss: Er hilft ganz wesentlich, die Hanser-Literaturverlage deutlich (»deuticklich«) über dem Wasser zu halten...

Sehr geehrter Herr Glattauer,
vielen Dank, dass Sie etwas von Ihrer Zeit entbehren können, um meine Neugier zu stillen. Die Suche nach der ersten Frage, die natürlich die Bestmöglichste sein sollte, war lang und unergiebig. Vielleicht aus Frustration, vielleicht aus Innovation, hauptsächlich aber, weil man ja irgendwie anfangen muss, greife ich nun auf die Schlechtmöglichste zurück, die mir eingefallen ist: Wie wird man eigentlich Schriftsteller?

Keine Sorge, die Frage ist gut! Wie man Schriftsteller wird? Entweder man sagt: Ich werde Schriftsteller! Danach schreibt man. Und dann sucht man nach einem Verlag. (Diese Variante ist riskant.) Oder man schreibt. Danach sucht man einen Verlag. Und wenn tatsächlich Manuskripte in Buchform veröffentlicht worden sind, stellt man fest: Ich bin Schriftsteller. – So war es bei mir.

Muss man dafür leben oder lesen?

Leben! Sonst hat man nichts, worüber man schreiben könnte. Lesen kann auch nicht schaden, damit der Horizont größer wird. Ich selbst habe vergleichsweise wenig gelesen, ich habe auch keine Vorbilder. Ich wollte lieber aus mir selbst schöpfen, von meinen Beobachtungen erzählen und meine Betrachtungen anbieten.

Und hilft es dabei ein wenig nostalgisch, vielleicht sogar etwas melancholisch zu sein? Oder ist das die europäische Herangehensweise? Gibt es überhaupt eine europäische Herangehensweise?

Man muss nicht nostalgisch sein. Man sollte sich in die Dinge, über die man schreibt, und vor allem in die Menschen, über die man schreibt, hineinversetzen können. Wenn es melancholische Menschen sind, muss man diese Melancholie (nach)empfinden können. Das heißt nicht, dass man deswegen selbst ein melancholischer Typ sein muss. Es geht beim Schreiben immer ums Empfinden-Können, nie ums Selbst-Sein-Müssen. Ich habe nie Literatur studiert, deshalb kann ich nur vermuten: Die Europäer haben es insgesamt recht gerne schwermütig in ihren Texten. Oft fehlt (mir) dabei die Leichtigkeit der Sprache.

Um jetzt aber nicht ins Philosophisch-Literarische abzudriften, sollten wir ins Inhaltliche gehen. Ihre Kolumnen wirken wie Momentaufnahmen, ausgestanzt aus sehr menschlichen Augenblicken. Kann man sie als eine Art "Spontan-Prosa" bezeichnen? Sind es kurze Geistesblitze, oder liegen Wochen der Recherche, des Herum-Komponierens dahinter?

Es sind tatsächlich Momentaufnahmen. Ich schrieb sie ja 15 Jahre lang für eine österreichische Tageszeitung. („Der Standard“). Manches entstand recht spontan. Es gab aber auch Miniatur-Texte, an denen ich tagelang herumgebastelt habe. Wenn der Text extrem kurz sein soll, dann feile ich an jedem Satz und lege jedes Wort auf die Waagschale.

Kürzlich las ich Ihren Roman „Darum“ und wusste am Ende sogleich Warum. Ist es schwer zu entscheiden, was geschrieben werden muss und was geschrieben werden kann?

Ich schreibe nie, was geschrieben werden muss. Ich habe keine Mission beim Schreiben. Ich sehe vielmehr Aufgaben und Herausforderungen, die ich mir selbst stelle. Und ich spüre eine Verpflichtung gegenüber meinem Leserpublikum, dieses möglichst nicht zu enttäuschen. Ich will den Leserinnen und Lesern mit meinen möglichen Mitteln etwas bieten.
Es beginnt mit einer Idee, die ich nicht fallen lassen kann. Dann baut sich (im optimalen Fall) ein Gerüst auf. Und dann versuche ich dieses „Gebäude“ zu errichten und liebevoll auszugestalten. „Darum“ geht auf eine absurde Idee zurück. Ich selbst, ein extrem friedvoller und konfliktscheuer Mensch, wollte mich in einen Mörder hineinversetzen. Das war spannend!


Ich würde Sie gerne etwas zu „Theo“ fragen, aber die Antworten hat Theo schon selbst übernommen. Einzig vielleicht: Ist Theos Generation eine andere? Eine freiere? Eine grenzenlosere?

Theo ist – im Gegensatz zu meinen sonstigen Protagonisten – real! Ich habe ihn jetzt als 17-jährigen vor mir. Er ist ein sehr kluger, ruhiger, besonnener Jugendlicher. Seine Generation hat es schwerer als meine. Die Arbeitsplatzsituation ist angespannt. Die Politik ist zu sehr mit sich selbst und der unerquicklichen Gegenwart beschäftigt. Auf die Jugend und deren Zukunft wird vergessen. Dennoch: Theo wird seinen Weg gehen, da mache ich mir keine Sorgen.

Bei Ihren E-Mail-Romanen habe ich mich gefragt, was das für ein Gefühl ist, von jetzt auf gleich die Sicht zu ändern. Kann man das mit einem Schachspiel gegen sich selbst vergleichen? Vor allem aber, wie entstand die Handlung? Kam sie von ganz alleine? Oder wussten Sie schon lange vorher, worauf sie hinauswollten?

Die Email-Bücher haben sich tatsächlich wie von selbst geschrieben. Wir waren zu dritt, ein verschworenes Team: Emmi, Leo und ich, der geheime Fadenzieher, der Dolmetscher, der Therapeut. Aber vor allem war ich ständig in der Rolle des Beobachters. Ich habe Leo dabei beobachtet, wie er auf Emmis Email reagiert. Und ich habe Emmi über die Schulter gesehen, wenn sie Leo Contra gab. Die Handlung ist von alleine entstanden. Ich musste lediglich die Grenzen ziehen.

Und nun: Liebe und Psychologie. Mehr weiß ich noch nicht über ihren neuen Roman. Geben Sie mir einen ersten Eindruck?

Wenn sie „Darum“ und „Gut gegen Nordwind“ kennen, dann würde ich das Buch in der Mitte der beiden ansiedeln. Es ist ein Liebes-Psycho-Roman, das Thema heißt „einseitige Liebe“, „Stalking“. Ich habe solche Fälle während meiner Zeit als Gerichtsreporter erlebt, und sie sind mir immer sehr nahe gegangen. Die Geschichte beginnt romantisch – und kippt dann ins Beklemmende. Es geht um das Gefühl, verfolgt zu werden, ohne dass diese Verfolgung wirklich greifbar ist. Trotzdem ist die Geschichte nicht todtraurig. Bei mir müssen auch immer erheiternde Figuren, Situationskomik und Sprachwitz dabei sein. Ich lasse es nicht zu, dass mich meine eigenen Bücher deprimieren.

Herr Glattauer, ich danke nochmals für Ihre Zeit und würde gerne mit einem Ausblick schließen. Klassisch, wenn man so will. Was wird kommen?

Dazu fällt mir spontan eine Kolumne von mir ein, in der es um die größten Weisheiten der Menschheit geht. Als Antwort auf Ihre Frage: Es kommt, wie es kommt. Aber manchmal kommt es auch ganz anders…. Für mich persönlich: Egal, was kommt – ich will und werde der bleiben, der ich bin!

Vielen Dank und herzlicher Gruß,
Stephan Weiner

Ihnen auch alles Liebe!
Daniel Glattauer




Vom Schreiben und beschrieben werden – Daniel Glattauer aus der Sicht eines Lesers von Stephan Weiner

Wer schreibt, beschreibt. Wer beschreibt, beobachtet. Geschrieben, um zu beschreiben, ist dieser Essay einem Beobachter gewidmet. Daniel Glattauer ist Beobachter. In Österreich. Und auch sonst überall, wo er hin kommt. Dort beobachtet er Nicht-Schreiber und schreibt über sie. Über ihre Nasen, ihre Zigeunerspieße, ihre Laufarbeit, ihre Abarten von Schnee oder über sie als die Duschgeneration. Das wird gedruckt. Ein wichtiger Aspekt. Wenn nicht sogar der Aspekt. Schließlich kann man nur ein Schrift-stellender Schreiber sein, wenn man denn gedruckt ist. – Kann das eigentlich jeder werden?
Möglich, sagt der Beobachter Daniel Glattauer. Solange man die Leichtigkeit besitzt. Das Empfinden-können im Gegensatz zum Sein-Müssen. Wer empfindet, fühlt andere. Fühlt sich in den anderen hinein und kann für sich vielleicht eine Frage beantworten, die nur unter großer fiktiver Anstrengung beantwortet werden kann: Was wäre wenn? – Wobei die Frage an sich gar nicht so schwer ist. Schwierig ist es nur, ihre Antwort darauf leicht aussehen zu lassen. So als ob sie fast nicht der Rede wert ist. Obwohl sie es natürlich eigentlich immer ist. Auch wenn keine wirkliche Botschaft dahinter steckt. Keine Mission. Für den Beobachter Daniel Glattauer gibt es nichts, was geschrieben werden muss. Höchstens Dinge, die beschrieben werden können. Die Schrift-Gebäude, die dabei entstehen, wachsen meist von ganz alleine. Ob die Bewohner fiktiv oder real sind, spielt keine Rolle. Nur die richtigen Grenzen sind wichtig. Schreiben bedeutet, die richtige Beobachtung in die richtigen Grenzen zu weisen. – Das Wichtigste ist aber: Nicht so Ernst sein. Das Leben, so wie Daniel Glattauer es beobachtet, steckt voller Situationskomik und Sprachwitz. Warum also nicht die Literatur davon berichten lassen?

Wie so viele Geschichten von Schreibern, beginnt auch unsere Geschichte, die Geschichte Daniel Glattauers, unseres Schreibers, unseres Beobachters, mit der Kolumne. Kolumnen sind literarische Serien. Sie beschäftigen sich mit dem, was den Schreiber, den Beobachter, ausmacht. Und auch für den Beobachter Daniel Glattauer sind sie Momentaufnahmen, von dem was er manchmal recht spontan aus dem Leben mitnahm. Praktisch »Kommentare zum Alltag«. So freuen wir uns mit ihm über die erste Anlaufstelle für Schildkröten, fühlen die beklemmende Wirkung eines parallel zu uns lebenden Doppelgängers oder fürchten auch uns würde die Panflötenmafia bis in unser Schlafzimmer verfolgen. – Gedanken, die jeder schon einmal hatte, diesmal schwarz auf weiß vor Augen geführt, meist zum Start in den Tag des regelmäßigen »Standard«-Lesers. Sage und schreibe fünfzehn Jahre geht das so. – Vielleicht fragt sich so manch ein Leser, was man haben muss, um so Beobachten zu können, bzw. das Alltägliche auf diese Weise schreibend als Beobachtetes aufs Papier zu kriegen. Vielleicht ein allsehendes Auge, das immun ist gegen die tägliche Gewohnheit; gegen den immer selben Blick aus dem Fenster; oder dem immer gleichen Anblick der Menschen auf dem Weg zur Arbeit? Es ist möglicherweise das und noch einiges mehr. Alles zu sehen, scheint dabei gar nicht nötig zu sein, sondern man nimmt das, was man sieht und versucht es aus seinem Zusammenhang zu ziehen. Aus dem großen Ganzen. Denn in exponierter Stellung wird einiges klarer. Wenn es dabei das Verhalten eines Menschen ist, so meint der Leser, sollte man jedoch ein gewisses Talent haben, die Frage »Was wäre wenn…?« möglichst zielgenau beantworten zu können. Ein besonderes Verständnis zum Leben, ist dafür vermutlich noch nicht einmal nötig. Gerade das Nicht-Verstehen wirft ja möglicherweise Fragen auf, die beim Beobachten und dem Verstehen des Beobachteten nützlich sein können. Also zu wissen, dass es mindestens 28 Orte gibt, wo Pferde hingehören, aber nicht zu verstehen, warum der einzige Ort, wo sie definitiv nicht hingehören (die Wiener Schottengasse), dennoch vor einem Fiaker-Gespann in ironisierender Belustigung gelangweilter Städtetouristen zu finden sind. – Man sitzt als Beobachter also in seinem Auto hinter dem Gespann und wünscht sich außen vor zu sein. Sollte man offenbar auch. Denn alleine durch die Beobachtung hat man die Möglichkeit, sich Luft zu machen. Auszuatmen und das Nicht-Verstehen über das Leben, die Welt und all seine Bewohner mit scharfer Zunge zu beschreiben. Gelesen macht das alles sehr viel Sinn. Wodurch gleichzeitig im Leser die Frage entsteht, ob er vielleicht erstens: solche »Kleinigkeiten«‘ gar nicht bemerkt? Oder zweitens: sie zwar bemerkt, aber durch eine vielleicht von Gott gegebene Weisheit richtig einzuordnen weiß und damit keinen Grund sieht, weiter darüber nachzudenken? Vermutlich Letzteres.

Der Beobachter Daniel Glattauer schafft es jedoch, mit seinen Kolumnen, seinen Momentaufnahmen, auch den verständnisvollsten Nicht-Beobachter ein fragendes Lächeln ins Gesicht zu zaubern und so diesen Leser auf etwas aufmerksam zu machen. Etwas Größeres. Etwas, das sich direkt vor ihm abspielt und das er vielleicht doch nicht versteht, obwohl er der Meinung war, es verstehen zu können, ja, vielleicht sogar verstehen zu müssen. Und Glattauer, der Beobachter, macht jetzt nicht etwa Halt. Legt keine Pause ein. Belässt es nicht bei den kurzen Momentaufnahmen, sondern will den Sprung schaffen. Er will mehr als bloße Beobachtung, er will die Sphäre der erlebten Beobachtung erreichen, wobei ihm natürlich der Weg des Schreibens als der einzig richtige gilt. Aber wie schafft man es, aus einer Momentaufnahme einen Zusammenhang zu kreieren? Eine Kausalkette? Eine Momentaufnahme mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? – Einen Roman?

Der Beobachter Daniel Glattauer, schreibt niemals das, was geschrieben werden muss. Denn missionieren gehört für ihn nicht zum Beschreiben. Er sieht sich vielmehr Aufgaben gegenüber, Herausforderungen, die irgendwie gelöst werden müssen. Die Mittel, die dafür in Frage kommen, sind jedem Leser klar, wir sprachen bereits darüber: Das Sich-hineinversetzen. – Anders als bei der Momentaufnahme kann sich der Lesser vorstellen, dass der Roman vor einer weitaus größeren sich-hinein-versetz-Aufgabe steht. Anstatt für einen kurzen Augenblick ein paar Antworten zu den obligatorischen Was-wäre-wenn-Fragen zu bekommen, sieht man sich als Leser beim Roman einem komplexen Bild gegenüber, das von allen Seiten beleuchtet ist. Im Idealfall sollte jede Facette bis ins Detail den hohen Ansprüchen der Leserschaft gerecht werden. Ein Beobachter wie Daniel Glattauer spricht in diesem Zusammenhang gerne von »Gebäuden«. Als Leser nur zu gut zu verstehen. Wenn man ein Gebäude betritt, müssen bestimmte Erwartungen erfüllt werden, ohne die sich kein Gebäude denken lässt. Die Konstruktion sollte logisch nachvollziehbaren Elementen folgen. Wobei ein gut eingesetzter Penrose-Effekt natürlich auch seinen Zweck erfüllen kann. Nur darf man sich als Leser nicht unabsichtlich im Kreis herum geführt widerfinden. Schon gar nicht, wenn man bemerkt, dass es nur auf Unordentlichkeit beruht und nicht etwa auf den oben genannten Kausalketten. So absurd diese Ketten auch sein mögen. Der Beobachter Daniel Glattauer erklärt, in diesem Sinne sei »Darum« ein Beispiel für die paradoxen Wege, die man dabei eingehen kann. So friedvoll und konflitktscheu er auch sei, so skrupellos und kalt kann ihn das Beobachtete und zu Papier Gebrachte erscheinen lassen, wenn man denn das »Hineinversetzen« einer logischen Struktur unterzieht. Dabei weiß natürlich jeder geübte Leser, dass nicht alles und jedes sein »wahres« Pendant zu haben braucht. Schon Thomas Mann reagierte ungehalten auf die Frage »Wer das denn sein soll?« und zu Recht, liebt man doch als Leser und als Beobachter das sogenannte »Fiktive«, »Erfundene«, das bloß entlehnt, statt selbst zu sein. – »Der Weihnachtshund« und »Darum« sind die ersten Momentaufnahmen des Beobachters Daniel Glattauer mit Ausdehnung auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Seine ersten Romane.

Nun könnte schon der Höhepunkt, das heißt der Bestseller kommen. Doch vorher fehlt vielleicht noch ein kleiner Exkurs in die Realität. Denn der Beobachter Daniel Glattauer hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur »fiktive« Protagonisten in die Welt zu entlassen – nein – sein direkter, familiärer Umgang belohnt ihn mit einer Figur, die zu Recht, als real zu bezeichnen ist. Kenner des Beobachters werden schon jetzt wissen, dass es sich nur um seinen Neffen, um Theo handeln kann. Mittlerweile 17 steht er als herangewachsener Jugendlicher mitten drin in der Realität und kämpft, wie so viele andere seiner Generation mit der Zukunft. Doch weiß sein Beobachter, sein Onkel zu beruhigen: Theo wird seinen Weg gehen. Und auch als Leser macht man sich da keine Sorgen. Denn wenn Theo weiterhin das Leben so messerscharf angeht, wie er es zu Beginn seines eigenen Beobachter-Daseins tat, werden ihm wohl so einige Möglichkeiten offen stehen. Kein Maschendrahtzaun wird ihn jemals vom Erkennen logischster Kausalketten abhalten lassen, kein verschwiegener Zaungast Onkel wird ihn von dem einzig richtigen Gedankengang abbringen; und auch in Zukunft wird es ihm ohne weiteres Hinterfragen völlig klar sein, dass wenn der Bus noch auf dem Weg ist, nur eine einzige Konsequenz, nur eine einzige Lösung dieser verzwickten Situation bleiben wird: »Müss ma warten.« – So kann der Leser getrost weiterziehen und Theo als reales Zeugnis der Beobachtungen dess Beobachters Daniel Glattauer seinen Weg gehen lassen, um endlich den lang ersehnten Höhepunkt zu erreichen: den Bestseller.

Für den Leser kommen Bestseller aus dem Nichts. Das haben sie mit den Kolumnen gemein. Sie scheinen aus einem kleinen Gedanken zu entstehen, werden größer, bilden die bekannte Kausalkette, nehmen Gestalt an, werden zu einem Gebäude und dieses Gebäude wird zum Anziehungspunkt vieler Menschen. Menschen, die sich in diesem Gebäude wohlfühlen. Sich gehen lassen. Es sich gut gehen lassen. Meistens kennen sie sich in diesem Gebäude aus, bevor sie jeden Raum, jeden Gang, jede Tür erkundet haben. Sie betreten es mit einer bestimmten Erwartung. Und wenn das Gebäude diesen Erwartungen entspricht, oder, besser noch, sie sogar übertrifft, dann haben wir das, was man einen Bestseller bezeichnen könnte. – So scheint es kaum verwunderlich, dass ein Bestseller auf der Basis von etwas Neuem bzw. auf der Idee von etwas Altem beruht. Nein, das Thema »Liebe« wird noch einen Absatz auf sich warten lassen müssen, hier soll vorderhand von dem, was das Schreiben ausmacht, gesprochen werden. Vom Wort, vom sich-mit-Worten-begegnen – vom Brief. Emmi und Leo schreiben Briefe. Digitale Briefe, E-Mails, da der Brief in seiner ursprünglichsten Form recht umständlich und zeitaufwendig zu handhaben ist. Abo-Kündigungen werden heutzutage so schnell wie möglich und so unkompliziert wie möglich gehandhabt. Die E-Mail hat sich daher zum führenden Mitteilungsmedium entwickelt. Doch ist sie, wie der Brief, von jeher Verkünder von Menschlichkeiten aller Art gewesen. Sehr beliebt, da die Möglichkeit besteht über weite Strecken hinweg die Menschen miteinander zu verbinden, sie näher zu bringen. So scheinen E-Mail und Brief viele Gemeinsamkeiten zu haben. Doch eine Gemeinsamkeit zwischen dem altehrwürdigen Brief und der modernen E-Mail; eine Gemeinsamkeit, die wohl auf ewig zum Schreiben und geschriebenen Wort dazugehört und diese Art der Kommunikation so interessant sein lässt, wird die Gemüter der Menschen auch in Zukunft erregen: Der Mangel des phonetischen Ausdrucks. – Wer kennt es nicht, dass Ironie überlesen, Scherze ernst genommen, oder Ärger einfach nicht erkannt wurde. Wenn ein Brief anderthalb Tage unterwegs ist, die Antwort auf ihn noch einmal so lange und das Missverständnis sich möglicherweise in zwei, drei Briefen weiter entwickelt, kann man doch froh sein, dass durch die E-Mail so etwas heutzutage mehr oder weniger schnell beigelegt werden kann. Allerdings: Genau diese Geschwindigkeit ist das Verhängnis der E-Mail. Postfächer werden zugemüllt. Antworten werden sofort erwartet, bleiben aus und verursachen nervöse Blicke auf kleine Post-Symbole. Der phonetische Ausdrucksmangel ist nur noch das Tüpfelchen auf dem i und regelrecht Schillersche-Dramen ereignen sich täglich in den Posteingängen der Menschen. – Doch wäre das Leben ohne sie natürlich nur halb so interessant.

Der Beobachter Daniel Glattauer weiß davon. Kennt es womöglich aus eigener Erfahrung. Wichtiger jedoch: der Leser kennt es aus eigener Erfahrung. Er kennt die E-Mail und weiß um ihre Entwicklung zur meist genutzten Kommunikationsform, die höchstens von der SMS noch getoppt wurde. Weiß also worum es geht bei Emmi und Leo; bei »Gut gegen Nordwind«. Wobei man natürlich nicht dieselbe Erfahrung gemacht haben muss, um das Gleiche zu empfinden. Als Beobachter kennt Daniel Glattauer diese Erfahrung eines E-Mail-Flirts mit einer Unbekannten, auf diese Weise zumindest, nicht. Den Flirt schon. Klar. Doch ist er viel zu sehr Beobachter und weiß daher umso mehr um den Reiz des »Flirts durch die Augen«. Ohne zu wissen, wie es ist, sich unbekannterweise ineinander zu verlieben, blieb ihm also gar nichts übrig als zu beobachten, wie andere das machen. So wie Emmi und Leo zum Beispiel. Sie waren ein verschworenes Team: Emmi, Leo und er. Nur die Rolle des geheimen Fadenziehers, des Dolmetschers, des Therapeuten war ihm überlassen. Er beobachtete, entwickelte die Momentaufnahmen und setzte die Grenzen. Die Grenzen – wir sprachen bereits davon – sind in einem E-Mail Roman vielleicht wichtiger denn je. Die E-Mail, an Unverbindlichkeit kaum zu übertreffen, springt zwischen Nähe und Distanz hin und her und braucht dafür nur ein paar Tasten, ein paar Klicks. Und am Ende? Am Ende steht der misslungene Versuch die vermeintliche Nähe der digitalen Welt ins reale Leben zu holen. Punkt. Ende.

Oder doch nicht? Empörung macht sich breit. Manch ein Leser kann es nicht akzeptieren, will es nicht akzeptieren. Das ist kein Ende, so völlig ohne Treffen. Kein »und sie lebten glücklich…«. Aber warum? – Darum, denkt der Beobachter Daniel Glattauer; und schreibt aber trotzdem die Fortsetzung, wobei er sich an einen Film erinnert, den er mal gesehen hat. An dessen Ende sind Steve McQueen und Dustin Hoffman auf einer Insel gefangen. Kein Ausweg. Keine Fluchtmöglichkeit. Nur die Meeresströmung könnte sie aus ihrem Gefängnis befreien. Ihrem exotischen Gefängnis, zweifellos. Doch Freiheit, das Happy End muss sein. Und das gibt es auch. Man muss sie nur zählen. Die Wellen. Jede siebte ist stark genug. Mindestens genauso stark, wie der Drang unseres Beobachters zum Happy End. So kann man es lesen –»Alle sieben Wellen«. – Die Leserschaft atmet auf. – Bestseller.

Erfolg über Nacht? Keineswegs. Der Beobachter Daniel Glattauer wuchs mit dem Beobachten. Schrieb und erarbeitete sich die Gunst des Publikums mit jedem Buch mehr, verhinderte so den Größenwahn. Nichts ist ihm zu Kopf gestiegen. Dafür ist er viel zu sehr Schriftsteller. Dafür weiß er den Kampf mit dem blinkenden Strich auf der leeren Seite viel zu sehr zu schätzen. Und ist in diesem Sinne wohl mit denselben Worten zu beschreiben, wie Feuchtwanger in seinem Roman »Erfolg« die Arbeit seines Beobachters, seines Schriftstellers, seines Tüverlins gesehen hat: Nämlich gut. – Es ist gut zu arbeiten. Gut zu sehen, wie sich alles was man sieht, denkt, liest, alle Menschen, Dinge und dieses Sich-schweben-Fühlen in den Plan, das Gebäude hineinwächst. Auch der Ärger, darüber, dass es nicht auf Anhieb gelingt. – Dies alles gehört zum Schreiben; ist das Schreiben. Schreiben ist erneut-gelebte-Beobachtung. Es ist ein unverhoffter Einfall, der einem plötzlich, überraschend im Bad, beim Essen oder mitten in einem Gespräch in den Sinn kommt. Und der Erfolg dieses Einfalls, als Skizze, Geschichte, Roman, unverzüglich zu Papier gebracht, liegt meist in seinen zeitgemäßen Zusammenhängen. – Und sind Daniel Glattauers Momentaufnahmen, seine Kolumnen, seine E-Mail-Romane nicht wirklich zeitgemäß und sind uns allen seine Zusammenhänge nicht wohl bekannt? Ist das nicht vielleicht auch der Grund des Erfolgs des Beobachters Daniel Glattauer? – Niemals bewusst, niemals gezwungen, niemals ohne den Sinn für Authentizität müsste man vielleicht noch ergänzen, um ansatzweise eine Erklärung für etwas Nicht-Erklärbares zu finden. Belassen wir es dabei.

Liebe und Psychologie. So sieht die Gegenwart aus. So sieht die neue Beobachtung aus, die vor Kurzem in Schriftform erschienen ist. »Ewig Dein« – eine romantische Geschichte kippt ins Beklemmende. Beobachtet in den Gerichtssälen, als er noch die Realität beschrieb und detailgetreu sowie journalistisch korrekt wiedergab, geht es hier um Paranoia. Ein Gefühl von Verfolgung, das nicht zu fassen ist; nicht greifbar in seiner Art der Irrationalität. – Irrational aber nur im Wesen der Geschichte selbst. Im Wesen von Hannes, dessen Unaufrichtigkeit so authentisch gezeichnet wurde, dass der Leser beginnt, am Verstand von Judith, der Beobachteten, zu zweifeln, und gleichzeitig zu wissen, dass da irgendetwas faul zu sein scheint. Der Leser muss sich selbst ein Bild machen, wie unser Beobachter, wie Daniel Glattauer seinen neuen Roman, sein neues Gebäude errichtet hat.

Und nun der Ausblick als Abschluss? Klassisch? Wie soll man auch sonst Beobachtung beenden, deren Beobachtetes gerade mal die Hälfte seines Weges zurückgelegt hat. Denn Daniel Glattauer wird weiterschreiben; wird weiter beobachten; wird weiterhin beschreiben – und wird so bleiben, wie er ist.

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