Hitzkopf - Leseprobe


Wir befinden uns im Jahr 1968 und an der Südostseite des »Djemaa el Fna« in Marrakesch. Dort, wo die Autobusse abfahren und ankommen. Der Pulk der Neuankömmlinge, der wie wir den Bus verlassen hat, zerstreut sich nicht, wie man erwarten könnte, sondern er verharrt an Ort und Stelle, offensichtlich genauso fasziniert wie wir. Nur ein paar andere Tramper sind darunter, die meisten sind Marokkaner, und gerade diese scheinen besonders freudig erregt zu sein, hier angekommen zu sein. Nur ganz wenige Straßenlaternen schummern am Rand des großen Platzes. Das Licht kommt von einem vollen, scheinbar überdimensionierten Mond, der groß und fett über der Spitze der Koutoubia schwimmt. Zahlreiche Lichtquellen schimmern außerdem überall auf dem Platz. Es sind Gaslaternen, die am Boden neben einem Geschichtenerzähler, neben einem Gewürzverkäufer, neben einem Schlangenbeschwörer stehen und das zahlreiche Publikum in ein gespenstisches Licht tauchen.

Es sind flackernde Herdfeuer in kleinen, primitiven Garküchen, ihren überall aufsteigenden eigenen Rauch illuminierend. Es sind Öllämpchen, wie kleine Sterne um einen Wahrsager drapiert, der mit überkreuzten Beinen am Boden kauert. Und schließlich gibt es auch noch die gelben Scheinwerfer hupender Busse und Personenkraftwagen am Rande des Platzes und in den Einmündungen der Gassen, die im Dunkeln liegen. Meine Augen nehmen die zahllosen Menschenklumpen wahr, bewegte Ansammlungen vieler Schatten. In die Ohren dringt das Gewirbel der Trommeln, das die Vorführungen der Berbertänzer begleitet, das Raunen und die Beifallsbekundungen, womit besonders gelungene Darbietungen von den Umstehenden begleitet werden.

In meine Nase steigen nie gerochene Düfte und Gerüche. Sie entstehen überall auf dem Platz, aber sie scheinen auch aus entfernten Hainen und verborgenen Gärten zu kommen; eine heiße, leichte Brise, von den Bergen des Atlas, weht den Blüten -und Blumenduft heran und kündet von der Wüste. Noch in der Dunkelheit spüre ich die Sonne des vergangenen Tages, und die Wärme des Platzes erhitzt meinen Körper, so dass der Schweiß aus den Poren tritt.

Zwei, drei Marokkaner sprechen auf einige Mitreisende ein. In ihren Händen halten sie Pechfackeln. Weder Bruno noch ich verstehen ihre gutturalen Worte, aber ein Mitreisender übersetzt sie uns. Die beiden Marokkaner mit den Fackeln laden alle Neuankömmlinge zu einer Hochzeit ein, die ganz in der Nähe gefeiert wird. Ich bin erstaunt, etwas verlegen und unentschlossen, aber Bruno sofort Feuer und Flamme, und der freundliche marokkanische Mitreisende erläutert: »Das ist Marrakesch, das ist hier normal!«

Wir folgen der Menschentraube, die aus etwa zwanzig, dreißig Männern besteht, darunter etwa sechs Europäern. Ich sage zu Bruno: »Das fängt ja gut an!« Wir sind bald am Ziel angekommen und drängeln uns durch eine schmale, niedrige Tür. Nun befinden wir uns in einem erstaunlich geräumigen Innenhof, der komplett überdacht ist. An zwei Wandseiten der Halle befinden sich Sitzpolster, davor stehen viele flache Tische. Man weist uns einen Platz mit den anderen Europäern in der Nähe des Bräutigams zu. In einer Ecke der Halle wird eine ohrenbetäubende Musik gemacht. Kernstück der Musik ist die Kakophonie mehrerer Trommeln. Dickbauchiger Bässe, tönerner, vasenförmiger Trommeln, flacher Tamburine, die am Rand der Felle noch mit Klöppeln an kurzen Riemchen versehen sind. Alle diese Trommeln werden mit den Händen geschlagen, und den melodischen Teil übernehmen verschiedenste Holzbläser. Einer von ihnen fällt mir besonders auf. Sein rechtes Auge strahlt freundlich, es ist kohlrabenschwarz und glänzt vor Stolz und Lebensglück, sein linkes dagegen scheint fast blind zu sein. Es ist merkwürdig starr; es ist heller als das andere und glitzert im Licht der Fackeln fast silbrig.

Platten mit Couscous und Hammelfleisch werden aufgetragen. Die marokkanische Frauenwelt einschließlich der Braut ist ebenfalls vertreten, allerdings nicht nur in einigen Metern Abstand, sondern auch zwei bis drei Meter über uns. In einer Ecke der Halle, etwa eineinhalb Meter unter der Decke, ist eine kleine, mit einem Gitter aus Holzstäben versehene Empore in den Raum hineingebaut worden. Von diesem Holzbalkon führt eine niedrige Tür in das Obergeschoss des Hauses. Fünf bis sechs - teilweise unverschleierte - Frauen und Mädchen kauern dicht zusammengedrängt hinter dem Gitter und schauen durch die Rauten herab. Hinter ihnen warten noch viele andere, sie wechseln sich ab, jede von ihnen kommt in den Genuss des Ausblicks aus der ersten Reihe. Sie sind guter Laune, kichern und flüstern miteinander und haben ganz offensichtlich ihre Freude. Manchmal bringen sie ihre Fröhlichkeit durch einen eigenartigen, lang gezogenen Laut zum Ausdruck, der durch blitzschnelles Hin- und Herbewegen der Zunge zwischen den Lippen erzeugt wird.

Nach dem Mahl wird getanzt. Die Männer, viele Altersstufen sind vertreten, fassen sich an den Händen und tanzen. Einige tanzen allein, kleine Jungs, höchstens vierzehn, bewegen sich schon spielerisch und gekonnt zu der orientalischen Musik. Alle werden begleitet vom rhythmischen Beifall der übrigen und angefeuert durch das eigentümliche Trillern der Frauen. Als der Bräutigam zum Tanz schreitet überschlägt sich die Stimmung. Er macht Bewegungen wie eine Bauchtänzerin, dann dreht er sich unter dem Trommeln und Klatschen und Trillern der Frauen wie ein Derwisch im Kreis, bis er erschöpft ist. Neue Platten mit frischen Früchten, Gebäck, Datteln und getrockneten Feigen werden herangebracht, sowie Tabletts mit Gläsern und marokkanischem Menthetee. Die Gastgeber schauen erwartungsvoll zum Eingang, die Musiker werden nun noch verstärkt durch einige Bläser und Saiteninstrumentalisten, die neu angekommen sind. Sie beginnen, einen langsamen Rhythmus und eine hier wohl sehr bekannte orientalische Melodie zu spielen, denn nun erreicht das Trillern der Frauen einen vorher nicht gehörten Pegel. Vom Eingang schiebt sich tänzelnd eine glöckchenbehangene und verschleierte Frau durch die Menge der Männer, die sich dort versammelt hat. Die anderen sind wie elektrisiert von ihren Polstern in die Höhe geschossen. Der Bräutigam bedeutet ihnen, sich wieder zu setzen, und während sie seinen Gesten Folge leisten oder von den bereits Sitzenden an ihren Djellabahs gezogen werden, damit sie endlich Platz nehmen, hat die Frau mit den Glöckchen die Mitte der Halle erreicht und beginnt nun ihrerseits mit einem Tanz.

Sie trägt schlicht bestickte Pluderhosen, ein hoch geschlossenes kurzes Gewand und einen Schleier, der allerdings nicht nur ihre Augen, sondern auch ihre Stirn und ihre prachtvollen, langen Haare unverschleiert lässt. Dort, wo ihr Mund ist, bewegt sich der tüllige Stoff kaum wahrnehmbar im Gleichklang mit ihrem Atem. Ihr Körper ist verhüllt, nur ihre vollkommen bemalten Füße und Hände nicht; Ringe und Kettchen und Glöckchen schimmern dort golden. Während sie ihre Hüften im Rhythmus der Musik bewegt, unterstreicht sie ihren Tanz mit den Armen, winkelt ihre Hände im richtigen Moment zu einer ausdrucksvollen Gebärde ab, bewegt ihre Beine und die zarten Füße, als schwebe sie stehend auf einem fliegenden Teppich und halte mühelos das Gleichgewicht. Ihre Augen strahlen wie schwarze Burmarubine. Sie ist sofort der Mittelpunkt des Festes. Sie ist jetzt sogar der Mittelpunkt in Marrakesch, im ganzen »äußersten Westen«, in »Maghrib el Aksa«, in »Marokko«.

Nach einer Bewegung, die an eine Pirouette erinnert, reißt sie plötzlich ihr Obergewand vom Körper und wirft es ins Publikum. Sie trägt nun ein enger anliegendes Oberteil, das allerdings ihren Oberkörper ebenfalls vollkommen umschlossen hält, mit einer wichtigen Ausnahme: Zwischen dem Bund der Pluderhose und dem Saum des Oberteils sieht man jetzt ihre Hüften und ihren Bauch. Im Nabel trägt sie ein glitzerndes Schmuckstück. Nun beginnt sie, ihren Bauch und die Hüften doppelt so schnell wie der Takt der Musik zu bewegen; sie steigert das Tempo noch, sie schlägt die Hüften gegen den Rhythmus; sie lässt den Bauch vibrieren wie ein schnell geschlagenes Tamburinfell; die Frauen hinter dem Holzgitter sind außer sich; die Männer am Eingang sind starr vor Staunen; die anderen springen von ihren Plätzen und klatschen und freuen sich; dabei schwebt die Frau mit den Glöckchen weiterhin grazil und leicht und wie selbstverständlich auf ihrem fliegenden Teppich; dabei scheint es, dass ihre Hüften und ihr Bauch die Oberherrschaft über ihren ganzen Körper gewonnen haben; beim genauen Hinsehen ihr geschmückter Bauchnabel. Der Nabel bewegt sich mal gegen, mal im Einklang mit der Musik, er schwebt zitternd mal in die Richtung des Eingangs, mal in die Richtung des Bräutigams. Bewegt der Nabel die Hüften, oder bewegen die Hüften den Nabel?

»So was hab ich noch nie gesehen«, raune ich in das Ohr von Bruno, der allerdings geistesabwesend scheint und wie gebannt in eine ganz andere Richtung schaut. Wie ein Seher. »Der Nabel bewegt die Tänzerin. Denkt man, der Höhepunkt sei erreicht, tanzt der Nabel zu einem neuen: Dieser Nabel ist der Nabel der Welt«, murmele ich, und Bruno entgegnet in dem ihm eigenen Orakel-Ton: »Als Karl Martell 732 die Araber bei Tours und Poitiers schlug, da kannte er diesen Nabel sicher nicht! Andererseits: Warum mussten die Araber Bordeaux niederbrennen? Vielleicht hätten sie mehr Erfolg mit einem tanzenden Nabel gehabt?«

Die ganze Halle scheint vom Nabel der Tänzerin ekstatisiert. Ich zwinge mich, meinen Blick von den bebenden Hüften abzuwenden und das Gesicht der Frau zu betrachten. Ihre Augen, die schwarzen Burmarubine, ruhen still und tief, bilden einen krassen Gegensatz zu den katatonischen Bewegungen ihrer Hüften. Ein überirdisches Leuchten, eine unsichtbare Kraft scheint ihnen inne zu wohnen. Dann erst bemerke ich, dass die Frau mich anschaut. Nicht ich habe meinen Blick in ihre Augen gehoben, sondern sie war es, die mich dazu zwang! Es ist, als wolle sie den jungen Europäer in sich hineinziehen. Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper, obwohl es stickig und heiß ist. Ich spüre, wie ich puterrot werde. Aber ich kann meinen Blick nicht abwenden. Die Tänzerin kommt auf mich zu. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Der Körper der Frau tanzt jetzt unmittelbar vor mir, ihre Augen strahlen in meine. Meine Augen bedeuten ihr meine vollkommene Unterwerfung. Ich spüre das, und ich spüre auch, dass sie das weiß. Ein Mann in ihrer Nähe steckt ihr eine Geldnote in den Hosenbund. Schon viele Geldnoten stecken dort. Ich weiß nicht, was sie bei dieser kurzen Berührung empfindet. Auch ich möchte die Frau berühren, ihr Geld zustecken, aber ich habe kein Geld mehr. Bruno liegt mir auf der Tasche, und das bereits seit Jahren. Und selbst wenn ich Geld hätte, ich würde mich kaum trauen, die Frau zu berühren. Ich bin erstarrt wie eine Salzsäule. Die Tänzerin lächelt. Ihr Lächeln lockert den Bann. Sie tanzt zu einem anderen. Ich atme wieder. Ich bin erleichtert, aber auch traurig, weil sie nun vor einem anderen tanzt. Bruno tippt mir auf die Schulter. Mit viel sagendem Blick deutet er nach draußen. Dann drängeln wir uns durch die feiernden Menschen, weg vom Lärm und fort von meiner Beklommenheit.

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