Thomas Frahm über Vladimir Zarev: Warten auf den Erlöser

Leseprobe Europabrevier: Begegnung mit Bulgarien und seinem größten Erzähler (c 2011: Thomas Frahm, c Foto: 2007-2011: Klaus Servene)

In den Jahren um 1968, als in Westeuropa die Elite der Intellektuellen sich engagiert, manchmal auch militant für die kommunistische Idee stark macht, sitzt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ein junger Schriftsteller in seiner Dachmansarde und liest – die Bibel seiner Großmutter. Für Vladimir Zarev und seine Generation ist das Jahr 1968 nicht das der Studentenrevolution, sondern das des Prager Frühlings, und statt glühender Hoffnungen auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität, wie sie die jungen Leute im Westen auf ihre außerparlamentarischen Barrikaden treibt, legt sich eine bleierne Melancholie auf seine Schläfen. Das Einrollen der russischen Panzer in Prag war für den 21-Jährigen und seine Generation, die der um die Jahre der Errichtung der Volksrepublik in Bulgarien (1944-1947) Geborenen, gleichbedeutend damit, dass der Sozialismus, real existierend, nicht zu reformieren war. Schon damals nicht. Und als wäre Zarev, der künftige Modernisierer und Schöpfer einer magisch-realistischen Erzählkultur mit originär bulgarischer Handschrift selbst Teil eines schlechten Romans voller Klischees, ist er der Sohn eines Kommunisten, der als verdienter Partisan zum engsten Umkreis des langjährigen starken Mannes Todor Shivkov gehört.
Wie genau sich der unausweichliche Vater-Sohn-Konflikt abgespielt hat, hat er mir noch nicht erzählt; aber Zarev hat seinen Vater natürlich gefragt, wieso er trotz allem am Kommunismus festhielt. Der Vater entwarf dem Sohn das Bild eines Landes, in dem konservative und repressive Regierungen sich schamlos am Volk bereichern, in dem Provinzfürsten Wahlbetrug durch Stimmenkauf betreiben und ihre Macht gegenüber aufrührerisch gesinnten Untertanen, meist Lehrern oder Rechtsanwälten, notfalls auch durch Folter aufrecht erhielten. Ihm selbst hatte ein Scherge mit dem Stiefel eine Niere zertreten, weil er die Namen seiner sozialistischen Gesinnungsgenossen nicht preisgeben wollte. Der Sozialismus, das war im Bulgarien der Zwischenkriegszeit die Hoffnung der Armen auf täglich Brot, und die Hoffnung der Intelligentsija auf ein Ende staatlicher Willkür und korrupter Sippenwirtschaft und damit auch auf gleichberechtigte Karrierechancen für die wirklich Begabten.
Da dämmerten Vladimir Zarev, dem jungen Bibelleser, plötzlich zwei Dinge: Erstens, dass es eine Parallele gab zwischen der Sendung Moses und der Errichtung des Sozialismus, denn in beiden Fällen wurden dem Volk im Namen einer Idee (Gottes bzw. des Kommunismus) Gesetze gegeben, die der Willkür ein Ende bereiten sollten. Zweitens aber war es auf Dauer mit diesen Gesetzen allein nicht getan. Das Volk wollte keine Ideen, sondern Lichtgestalten, die es aus Elend und Sklaverei führten. Und so generierte der Sozialismus genau wie der Judaismus schon in seinen Anfängen eine Sehnsucht nach dem Erlöser, die bis heute anhält. Doch wie die Menschen nicht glauben, dass jemand, der am Ende gekreuzigt wird, der wahre Erlöser sein kann, so mischen sich in der kollektiven Fantasie des Volkes beim erhofften Messias Züge eines gütigen Vaters, der sich mitleidsvoll über die Not seiner Kinder beugt, mit Zügen eines „starken Mannes“, der nicht nur gegen Unrecht, Korruption, Bestechung, Filzokratie und die Willkür der Provinzfürsten und Bürgermeister einschreitet, sondern zu diesem Zweck auch unsterblich ist, also nicht Menschensohn, sondern allmächtiger Gott.
Auf Bibellänge, 2000 Seiten, verteilt auf drei große Romane, arbeitete Zarev sich an seiner großen Idee, ein Psychogramm der Bulgaren im Jahrhundert der Kriege und des Holocaust zu schreiben, ab. Und während seine Altersgenossen im Westen wortreich und demagogisch zu beweisen versuchten, dass Jesus ein Sozialist war, legte Zarev mit einer genialen erzählerischen Anthropologie, die den Menschen als lebenden Widerspruch zeigt, dar, warum genau dies eben nicht möglich ist. Denn was dem Humanismus solcher Ideen einst, heute und in Zukunft im Wege steht, das ist immer der Mensch.

*Vladimir Zarev, geboren 1947 in Sofia, Autor von insgesamt fünfzehn Romanen, Erzählbänden und Sachbüchern. Auf Deutsch erschien 2007 der Roman Verfall und 2009 bei Deuticke als erster Teil der Weltschev-Trilogie der Roman Familienbrand.

*Thomas Frahm, geboren 1961 in Duisburg, Autor von Lyrik, Kurzprosa und Bulgarien-Essays, nimmt seit 2000 in Sofia ein Vollbad in der Sprache, aus der er die Romane Vladimir Zarevs ins Deutsche überträgt.

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1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

sehr interessant und aufschlussreich