Leseprobe aus: »Mannheim, Germany. Stories« von Klaus Servene

Unter Asche

Meine letzte Arbeit war das Telefonieren. Als Telefonistin bist du so gut wie inkognito, erst recht, wenn du eine tiefe, fast männliche Stimme hast. Als ich an meinem letzten Arbeitstag neben dem Telefon saß und auf Arbeit wartete, nahm ich die Kladde sowie einen Kugelschreiber zur Hand und begann – zaghaft und fröstelnd – zu schreiben.
Wenn ich jetzt die ersten Seiten meines Tagebuchs lese, so kommt kein rechtes Vergnügen auf. Was, wenn jemand in meine Wohnung einbricht und liest, was ich geschrieben habe? Auch stört mich, dass ich meine Gedanken nur sehr zögerlich zu Papier bringe, so als fürchteten sie das Licht der Welt; gleichzeitig rauschen Gesichter, Gestalten, Sätze, Geräusche und Farben in einer erschreckenden Verworrenheit durch meinen Kopf. Alles will zutreffend bezeichnet sein, aber ich fürchte stets, dass meine gering entwickelten Fähigkeiten bei weitem nicht ausreichen, um die vielen verborgenen Leben, die ich im Laufe meines Daseins gestreift habe, angemessen zu beschreiben.

Seit Jahren nun lebe ich in diesem Haus, in dem es nicht üblich ist, seinen Namen neben der Türklingel preiszugeben. Schon beim Einzug war die elektrische Klingel kaputt, bot die Batterie der Briefkästen im Parterre den Anblick einer Niederlage auf dem Schlachtfeld der Kommunikation; ein rostiger Haufen namenloser und demolierter Blechschränkchen, die zumeist ohne Tür waren und angefüllt mit Resten wie Bananenschalen und halbleeren Yoghurtbechern, alles mit Schimmelflecken übersät. Der Kohleofen in meinem Zimmer hat schon lange keine Briketts mehr gesehen, ich wärme mich mit Musik und Wolldecken, mein Handy habe ich verschenkt.

Es geht mir nicht gut, aber es geht mir auch nicht schlecht. Es geht mir so, wie ich es will, besonders wenn ich »Tool« höre; obwohl ich schon älter bin, natürlich über Kopfhörer, bloß nicht auffallen.
Auffallen – gesehen, gehört, gerochen oder anderweitig entdeckt zu werden –, wenn ich davor nicht das panische Entsetzen hätte … Wenn ich heute jung wäre, sagen wir mal so um die 25, leer wie ein ungeschriebenes Buch, ja dann, dann würde ich vielleicht eine passable Schlagzeugerin werden wollen, natürlich nicht so toll wie Danny Carey, aber ganz passabel.

Über dem kalten Kohleofen habe ich ein selbst ausgedrucktes Farbfoto von Danny hängen (»Ich weiß, die Teile passen, weil ich sie auseinanderfallen sah«, haben sie getextet, sinngemäß aus dem Englischen übersetzt). Danny mitten in seiner Batterie aus Basstrommeln, Snares, Becken, Toms und Hi Hats, Mikrofone überall, langes Haar, aber eben stumm wie ein Foto nur sein kann, mehr versteckend als offenbarend. Daneben ein Druck von Davood Roostaei; ich trage auch ein T-Shirt mit seinem Logo. Danny trägt seine Haare blond und lang wie Jesus Christus auf den Heiligenbildchen, aber ich habe sie ganz kurz rasiert und verberge meinen Kopf und das T-Shirt unter meiner unauffälligen dunkelfarbenen Kapuzenjacke, sobald ich meine Wohnung verlassen muss. In einer Ecke hängt noch ein kitschiges Bild, das Maria zeigt, die Mutter Jesu.
Ich spreche zu diesen Bildern sehr oft und klopfe Punkrhythmen mit zehn Fingern auf meine Stirn, auf meine Brust, auf den Tisch. Durch das Trommeln verfärben sich meine frostblauen Hände kaum, auch die Nagelbettentzündungen werden nicht besser, aber durch das Trommeln und die Musik wird mir wärmer. Was meine Nachbarn machen, nehme ich selten zur Kenntnis. Zum Schauen und Hören begebe ich mich lieber in das Gewimmel der Stadt, nirgendwo kann man weniger auffallen als im Gewimmel der Stadt. Es sei denn, man übertreibt es mit dem Verbergen und trägt zum Beispiel eine Burka.

Dieser Tage sehe ich wieder häufig den Kaplan. Im Traum, im Wachtraum und beim Musikhören. Auch beim Schreiben. Seine schlanken, übergriffigen Hände mit den langen, gut durchbluteten Fingern. Den vom Schweiß leicht angegilbten Priesterkragen, den übertrieben kräftigen Kehlkopf, der auf und ab hüpft, wenn er spricht, wenn er lacht, wenn er die lateinische Messe liest. Das Geschlecht des Kaplans sehe ich und rieche es noch, die Liege kommt mir in den Sinn und sein Keuchen und Hüsteln und sein strenger Blick, und der Beichtstuhl, die Kanzel und die Monstranz. »Ego te absolvo.« Ich spreche dich frei. »Mea maxima culpa.« Meine übergroße Schuld. Ob er immer noch die Beichte abnimmt, sich erdreistet, sich reibt und weidet an den harmlosen Geheimnissen seiner blutjungen Schäfchen?
Ich lese in der Zeitung, dass viele aufgeflogen sind. Die sanften und die prügelnden Kindespeiniger. Er war eine sanfte Bestie, und ihn entdecke ich nirgends. Ich verstehe, dass sich jetzt viele Opfer melden. Ich spreche zu meinen Bildern, zu Danny und Davood, zu Maria, deren Lächeln ihre Härte nicht zeigt. Die wahre Güte ist hart, weil sie in ihrer Größe fast nicht zumutbar ist für einen völlig unzulänglichen Menschen wie mich. Sie ist in der Tat auch vollkommen kryptisch, die Güte; und sie versteckt sich, so wie ich das seit langen Jahren tue und wahrscheinlich weiterhin tun werde. Soll der Kaplan das doch mit Maria ausmachen, sie wird ihn geißeln wollen, die Domina gloriosa! Ich lege meine Hände an den Mund und wärme die blauen Finger mit meinem Atem. Wenn an den Kapuzinerplanken die Kastanien blühen, vielleicht erst wenn die Stachelfrüchte da sind, wenn also Gras über die Sache gewachsen ist, so denke ich heute, dann werde ich, statt Tagebuch zu schreiben, wieder telefonieren gehen.

Gestern strahlte der Himmel blau und hell. Von der Asche des Islandvulkans war nichts zu sehen. Mit mir stieg ein Mann aus dem Bus, der einen vierrädrigen Rollator mit sich führte. Am Rollator hatte der alte Mann eine lange Stange und an der Stange eine große Deutschlandfahne befestigt. Sie hing schlaff herunter, denn es wehte kein Wind, und der Alte legte ein Schneckentempo vor, das völlig ungeeignet war, eine Flagge zum Wehen zu bringen. Der Mann war offensichtlich ein Türke, sein Schnurrbart grau, seine Hände, rissig und schwer, umklammerten den Griff des Rollators, wobei aus der einen Hand ein paar gelbliche Perlen seiner Gebetsschnur herausschauten.
Seine Kleidung war zu groß, es sah so aus, als versinke er in seiner Hose und in seinem Jackett. Sein Gesicht sprach Bände, die man nicht übersetzen muss. Es war gezeichnet vom Leben und halb gelähmt von einem Schlaganfall. So ging der Mann auch nicht sicher, sondern vorsichtig und sehr wacklig. Dennoch, er musste ein Ziel haben, erreichte es aber nur im Schneckentempo. Vielleicht träumte er davon, so schnell laufen zu können wie früher; so schnell, dass seine Fahne weht, obwohl es windstill ist. Vielleicht hatte er sich um vier Jahre verspätet, wollte in das Fußballmärchenjahr zurück, als es in den vielen türkischen Lokalen und Geschäften massenweise türkische und deutsche Nationalfähnchen zu sehen gab. Auch wer zu spät kommt, ist ja immer noch am Leben! Damals schien vieles, was heute das Leben vergiftet, für eine Zeit vergessen. Damals konnte ich wie auf Wolken durch die Menschenmengen gleiten, ohne aufzufallen. Und damals fiel mir zum ersten Mal Max auf, weil er so teilnahmslos vor einer Leinwand saß, auf der gerade Zinédine Zidane seinen Kopf in den Leib von Marco Materazzi gerammt hatte.

Die Nachrichten bringen, dass weiterhin Flugverbot besteht. Die Aschewolke legt in halb Europa den Flugverkehr lahm. Auf Mallorca hängen die Touristen fest. Die in Afghanistan verwundeten Bundeswehrsoldaten werden in einem Krankenhaus in Istanbul versorgt. Nach Deutschland zurück können sie noch nicht. Unter der Asche verlangsamt sich das Leben. Ich freue mich auf Max, den ich gleich treffen werde. Er will mit mir aufs Land fahren, wo ich seine Großtante treffen soll. Luise. Sonst lebt ja niemand mehr von seiner Familie. Von der meinen bin ich schon Jahre isoliert. Seine Großtante ist der erste Mensch seit langer Zeit, mit dem ich – außer natürlich mit Max – nun sehr bald sprechen werde.

Unter den Glücksmomenten in ihrem Leben könne sie den glücklichsten nicht benennen. Zusammengenommen aber seien es sicher mehrere Lebensjahre. Hätte sie auch nur je eine Geschichte der besten Augenblicke eines jeden Jahres aufgeschrieben, so besäße sie nunmehr fast hundert Geschichten, ein ganzes Buch voller Glück!
»Man sammelt das Glück nicht«, sagte sie, »man sammelt alles Mögliche, außer den fast unbeschreiblichen drei Sekunden, in denen die Seele singt. Man wird ja auch zu überschwänglich, zu sentimental beim Beschreiben von Glück. Die Leute lächeln verschämt, wenn sie Beschreibungen vom Glück anderer Personen lesen oder hören. Sie haben sofort Einwände parat, Relativierungen, aus Missgunst oder Unglauben. Hätte ich mein Glück mit klaren und einfachen Worten ausdrücken können«, sagte sie, »dann hätte ich vielleicht diese Geschichten geschrieben, für die Menschen, die nicht relativieren beim Lesen und beim Leben.« Und die gebe es ja, seit sie denken könne und sicher auch noch in ferner Zukunft. Sie selbst habe diese Menschen hier in dieser Gegend kennen und wertschätzen gelernt. Vor mehr als neunzig Jahren schon, da sei sie hierhergekommen, anderthalb Stunden nach dem Ersten Weltkrieg. Sie lachte leise. Während des Zweiten habe sie hier Wurzeln geschlagen. In der Ferne seien die Städte in der Rheinebene bombardiert worden. Dort wo man die Türme des Kernkraftwerks heute so deutlich und klar erkenne, wo jetzt der violette Schein des Himmels die Linie des Horizonts einfärbe, dort, weit draußen, sei der Feuerschein der brennenden Städte am Himmel gestanden. »Es war ein großes Glück, als die Kriege endlich vorbei waren, als sie, anstatt das Leben zu verwüsten, in die Bücher und die Museen einzogen und dort eine neue Ordnung schufen, Weltkrieg 1 und Weltkrieg 2.« Sie sagte, solange sie denken könne, habe sie gedacht, dass es keinen glücklicheren Menschen als sie selbst geben würde. Sie habe diese Gegend nicht mehr verlassen müssen, auch nicht für kurze Reisen, und genau das empfinde sie als großes Glück. Ein Glück, das sie zu einem großen Teil der Beschaffenheit dieser Gegend zuschrieb. »Sanft, wenn auch nicht zu sanft, erheben sich hier die Hügel. Die Häuser der Dörfer, die sich an diese sanften Hügel schmiegen wie gutartige Tumore, werden von Menschen bewohnt, die mir das Leben nicht schwer gemacht haben, so wie sie sich selbst das Leben nicht zu schwer machen.«
Ihre Arbeit sei sinnvoll gewesen. Die Patienten im großen Klinikum, wo sie viele Jahre als Ärztin gearbeitet habe, hätten ihr jede Zuwendung gedankt. Und jeder Dank habe sie mit Glücksgefühlen erfüllt. Auch der Dank einer etwa gleichaltrigen Frau, die von Beruf Friseurin gewesen sei. »Sie arbeitete noch in ihrem eigenen Salon, nachdem ihr durch die Chemotherapie alle Haare ausgefallen waren. Auch als sie kaum noch stehen konnte, mit all den Platten an der Wirbelsäule, da frisierte sie die Kundschaft noch, während sie ihre eigene Haarlosigkeit unter einem modischen Tuch versteckt hielt.« Der Tod dieser Friseurin habe sie tief getroffen, nicht zum ersten Mal sei sie in ihrem Glück wankend geworden. Das Glück schien ihr damals ungerecht zu sein, launisch. Doch andererseits, als unglückliche Ärztin, hätte sie der Friseurin ja keinen Halt bieten können. So habe sie ihre Zeiten des Unglücklichseins auf ein Minimum beschränkt, auch wenn es in ihrem Leben sogar ganze Jahre gegeben habe, die vom Unglück maliziös befallen gewesen seien, so wie ihre Lungen jetzt vom Krebs. Sie sei dem Tod oft nahe genug gewesen, um einen tiefen Eindruck von Unsterblichkeit und dem wahren Leben empfangen zu dürfen, sagte sie. In Zeiten tiefster Verzweiflung keime auch die Hoffnung, in der dunkelsten Gemütsverfassung sei sie ein Licht gewesen, das sie dem Leben zurückgegeben habe. »Ich glaube an die Macht der Wahrheit«, sagte sie. »Ich glaube an die Freiheit des Menschen; sie wird verwirklicht werden. Ich glaube an den Sinn der Evolution, an den Sinn des Lebens, wenn ich auch nicht weiß, ab welchem Zeitpunkt die Angst existiert, die Angst vorm Gefressenwerden. Ich trete überall und unter allen Umständen für die Würde des Menschen und aller Kreatur ein, erst recht, wenn ich noch mal leben sollte. Die Welt wächst zusammen«, sagte sie. »Der Hass verfliegt. Die Liebe zieht in die Herzen aller. Nie wurde Rücksichtnahme so durchdacht geübt.«
Sie lächelte. Ich solle sie ruhig öfter besuchen. Es erleichtere ihr Gemüt, sie wisse ja nicht genau, ob es einen Himmel gebe, dort oben, oder ob sie wiedergeboren werde. Sie wäre doch sehr enttäuscht, wenn es gar nichts mehr gäbe, nach dem irdischen Tod, nicht so sehr ihrer selbst wegen, sondern weil sich dann so viele Menschen geirrt hätten, quer durch alle Religionen. Selbst Buddhas Pfade wären dann rein über flüssig. Immerhin fände sie das vielleicht mögliche Nichts besser als eine Hölle, die sie für unwahrscheinlich halte. »Eigentlich ist das Leben zu wertvoll, um es nur einmal zu leben; es ist auch zu schade, um sich darüber zu streiten, was nach dem Tod geschieht; aber gegen die Ungewissheit und die Angst schadet ein leichtes Gemüt ja in keinem Fall.« So sagte sie und lachte leise, und ich musste aufpassen, dass ich nicht allzu laut schluckte.

Von der Anhöhe gegenüber grüßte das Slevogt-Haus, eine weiße Verheißung, die eingetaucht war in den blassroten Schein der untergehenden Sonne. Ich verabschiedete mich von Luise und machte mich auf, wieder Max zu treffen, der zufälligerweise Slevogts Vornamen trägt. Wir waren mit seinem Auto gekommen, das speziell für ihn umgebaut worden war. Mit dem Handbike hatte er schon eine lange Strecke durch die Weinberge zurückgelegt und wartete nun in einem Café. Max ist durch einen Sportunfall seit langem gelähmt, aber er hat sich eine große Beweglichkeit erhalten, nicht nur geistig. So fährt er im Rollstuhl, als sei er darin geboren worden. Ich habe es Max zu verdanken, dass ich manchmal aus der Stadt rauskomme.
»Was macht Luise?«, begrüßte er mich, und ich berichtete ihm aus dem Hospiz.

Die Kastanien blühen immer noch nicht. Erst Wochen nach Ostern kam dieses Jahr der Frühling. Der Winter hat sich wacker geschlagen, zum Leid aller Wesen, die Wärme brauchen. Ich verdanke es Luise und Max, dass ich gestern wieder eine Kirche besuchte. Wenn dort Leute gewesen wären, hätte ich auf dem Absatz wieder kehrtgemacht. Ich hatte Glück, die Kirche war leer. Ich setzte mich auf eine Bank und ließ meine Gedanken verreisen. Falls es Gott wirklich gibt, so meine ich, dann sind ihm leere Kirchen am liebsten. Volle Kirchen sind ihm bestimmt auch angenehm, aber leere sind ihm am liebsten, weil er sich dann besser auf das Elend in der Welt konzentrierten kann und nicht abgelenkt wird von den Lobgesängen. Wenn es Gott wirklich gibt, was denkt er über seine irdischen Beamten? Sind ihm solche Menschen wie Luise nicht näher? Und wie Max?
Ich rechne es ihm hoch an: Wann und so lange wir wollen, reden wir über Gott und die Welt, über die Leiden der anderen Opfer und über die Bestrafung der Kindespeiniger, hören »Tool«, trommeln mit unseren Fingern, und ich vergesse, während wir zusammen sind, dass meine ja so blau sind und so empfindlich. Ich habe es Max zu verdanken, dass ich beschlossen habe, wieder arbeiten zu gehen. Eigentlich wollte ich damit noch lange warten. Ich werde auch den Kaplan aufsuchen. Er ist sehr alt, nicht mehr als Geistlicher aktiv. Aber er lebt noch, und Max hat herausgefunden, wo. Ich werde ihm in sein Gesicht schauen. Vielleicht werde ich ihn auch anzeigen, es kommt darauf an, wie sich die Situation entwickelt.


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Leseprobe aus: »Mannheim, Germany. Stories« von Klaus Servene
Achter-Verlag, Acht 2010; 176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen; www.achter-verlag.de

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