Stories mit Blaulicht

Jürgen Nielsen-Sikora über Klaus Servenes Geschichten aus »Mannheim, Germany«
Aus: Glanz & Elend

Unaufgeregt und schonungslos erzählt Klaus Servene in den hier versammelten Stories über die Schattenseiten des Lebens im 21. Jahrhundert. Es sind Geschichten über den Notfall, über den Ausnahmezustand, der zur Regel geworden ist; Geschichten über heilige, doch unreine Orte. Da sind die Rotlichtbezirke mit ihren Pornokinos und Nachtbars, oder der bulgarische Knast und die verlorenen Paradiese Europas. Und immer wieder Mannheim, mit dessen Wahrzeichen, dem Wasserturm, das Buchcover auf so humorvolle Art spielt.

Servenes Protagonisten sind vom Leben und vom Alkohol gezeichnet. Sie durchleben die „Hölle der Verhöre“ und träumen im selben Atemzug von Unsterblichkeit. Die Anonymität der modernen Wohnkomplexe ist ihr Zuhause, wo Liebe nur noch ein leeres Versprechen ist. Es ist das Territorium der Leichenwäscher, des Missbrauchs und der Schlägereien, der „Sozialhilfedynastie“, der Lähmungen und Phantomschmerzen, in denen sich Servenes Antihelden bewegen. Leben hier gleicht einem „Faustschlag in den Magen.“

Der 2007 gegründete, aufstrebende Verlag aus dem kleinen Eifeldorf Acht hat mit dieser Publikation eine glückliche Hand bewiesen, obwohl gerade das Glück in Servenes Geschichten nur schwer zu finden ist. Doch es ist da: Als Hintergrundmusik einer entfremdeten, von Willkür dominierten und oftmals sinnentleerten Welt. Denn trotz ihrer pejorativen Biografien sind Servenes Figuren mit dem Prinzip Hoffnung geimpft, sind erfüllt von kleinen Tagträumen und Wunschbildern im Spiegel, auch wenn den Stories ein Happy End in der Regel mangelt.

Die Titelstory „Mannheim, Germany“ ist voller skurriler Gestalten und traumhafter Sequenzen. Eine greift ein vor Jahren in der Stadt kursierendes Gerücht über den angeblichen Tod des Schriftstellers und Übersetzers Carl Weissner ironisch auf. Wer die Sätze von „Mannheim, Germany“ aufmerksam liest, wird feststellen wie zerbrechlich jeder einzelne auch dort ist, wo Servene augenzwinkernd die Kleinbürgerlichkeit der Stadt aufs Korn nimmt. Es sind Geschichten aus Glas, die sich dem Leser ins Fleisch schneiden und tiefe Wunden hinterlassen. So wie in „Ein Haus in Bulgarien“. Dort heißt es: „Der Sommer kam, und er fuhr mit der Bahn in die Eifel. Am Grab seiner Mutter wehte ein frischer Wind. Er saß in der für seinen Begriff riesigen Wohnung seiner Ex-Frau. Sie schwiegen sich an. Der Zucker, den sie in den Kaffee löffelte, glich dem süßen Schnee seiner Erinnerung. Damals lag der Schnee dick und nass über dem Kinderspielplatz. Der Hund, ein großer, greiser türkischer Hirtenhund, stand wie versteinert mit Schneebrocken im Fell und blickte ihm direkt in die Augen. Der Hund begann zu zittern, drehte den Kopf und legte sich auf die Seite… Ein junger Mann kam vorbei. Er schaute kurz auf den Hund im Schnee, auf den knienden Mann und dann wieder auf seine Füße, humpelte jedoch weiter, ohne einen Augenblick innezuhalten. Der Hund zuckte noch einmal mit dem ganzen Körper, bevor sein Atem erstarb.“

Das ist nicht schön und schmerzt, wie grundsätzlich alle Wahrheit hässlich ist und weh tut. Und so wird, wer bloß unterhalten werden will, keinen Zugang zu diesen Geschichten finden. Wer aber ins Herz unserer Finsternisse zu schauen vermag und vor dem Leben nicht zurückschreckt, den nimmt der Autor mit auf eine faszinierende Reise durch das Unterholz der Gegenwart mit all ihren Krisen und kleinen Katastrophen.

Ist das Leben wirklich so? Nein, aber es könnte so sein, wie Servene es schildert. Und wer so authentisch schreibt, der wird seine eigenen Erfahrungen mit dem Schicksal gemacht haben.

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