Zsuzsa Bánk - Zigi übers Meer

Abends, bevor ich ging, weg von Anna, um sie wiederzusehen, spätestens am nächsten Tag, am nächsten Morgen, schlugen wir zum Abschied ein Rad. So wie andere sich die Hände reichen oder sich umarmen, schlugen wir am Gartentor ein Rad, dort wo der Rasen flachgetreten war und der Klatschmohn blühte. Anna und ich mit derselben schnellen Bewegung in die eine, und Annas Mutter in die andere, in unsere Richtung, zwischen Anna und mir. An manchen Tagen blieb sie weiter weg von uns, als wolle sie uns Zeit lassen, als hätten wir nicht genug gehabt davon, als bräuchten wir diese eine Minute noch für uns. Wenn ich den schmalen Weg hinablief und mich noch einmal umdrehte, hatte sich Anna am Zaun hochgezogen, die Beine zwischen die Latten geschoben, und winkte mir nach, mit beiden Händen, als wollte sie sagen, vergiß nicht, morgen wiederzukommen.
Obwohl ihr Haus keine Anschrift hatte, bekam Annas Mutter dicke Briefe, und der Postbote brachte sie ihr an die Tür, schon weil es immer Post gab, für die sie ihre Unterschrift geben mußte. Auch als ein Kasten aus Blech am Zaun hing, mit einem Schlitz, in den er die Post hätte werfen können, blieb er dabei, die Briefe in ihre Hände zu legen und ihren Namen zu sagen, als müsse er sich jedesmal aufs neue vergewissern, wer sie war, ob wirklich die, für die der Brief gedacht war. Es war einer der seltenen Augenblicke, in denen wir ihren ganzen Namen hörten. Sonst bestand Annas Mutter darauf, von uns Kindern Évi genannt zu werden, nicht Éva, und schon gar nicht Frau Kalócs. Auf dem Amt würde man sie so nennen, und das reiche, nur dem Briefträger erlaube sie, ihren Namen, ihren ganzen, vollen Namen zu sagen. Für uns, für alle anderen sei sie Évi, immer nur Évi. Wenn er Licht in der Küche sah, wenn er ein Geräusch hörte, ein Klappern, klopfte der Briefträger ans Fenster und wartete, bis Annas Mutter die wenigen Schritte zur Tür lief und ihre Post entgegennahm, darunter Briefe in farbigen Umschlägen, die sie tagelang auf einem Tisch neben dem Eingang liegen ließ, und die Anna und ich viele Male drehten und wendeten, und weil Anna glaubte, sie könne riechen, von wo der Brief geschickt worden war, roch sie an ihm. Sie hielt ihn an ihre Nase, dann an meine, und wenn ihre Mutter uns dabei entdeckte und fragte, nach was riecht er, dieser Brief, sagte Anna, nach Amerika, er riecht nach Amerika.

Wenn die ersten kühlen Nächte anfingen, den Sommer zu verdrängen, kam Besuch in Annas Haus. Er kam von weit her, wie Annas Mutter sagte, mit einem Schiff, dann mit einem Zug und einem Bus. Nach seinen Briefen hatten ihn Anna und ihre Mutter schon seit Wochen erwartet, ohne zu wissen, an welchem Tag er kommen würde. Annas Mutter hatte die wenigen Vorhänge in einer Wanne im Garten gewaschen und naß aufgehängt, hatte jede Woche ein Huhn in den Topf geworfen und dann selber gegessen, hatte vor dem kleinen Spiegel ihr Haar mit bunten Nadeln hochgesteckt und gelöst, an den Abenden unter den Bäumen gesessen und aufs Gras geschaut, an den Vormittagen in ihrer kleinen Küche auf die Uhr und den Kalender, bis irgendwann jemand an der Pforte stand, hinter dem schiefhängenden Tor, mit einem dunklen Koffer in der einen Hand, einem Hut in der anderen, den er abnahm, sobald sich Annas Mutter in der Tür zeigte, einen Fuß auf die Stufen setzte, mit einer kleinen Bewegung die Haare aus der Stirn strich und ihm winkte, er solle das Tor öffnen und kommen. Anna sagte mir, er sei ihr Vater, aber ihre Mutter schüttelte den Kopf, und wenn Anna nicht in der Nähe war, sagte sie, ein Mann, der sie einmal im Jahr besuche, könne nicht Annas Vater sein. Zigi hieß ihr Vater. Anna nannte ihn so, und Annas Mutter nannte ihn so, manchmal auch Zigike oder Zigili oder Zigikém oder Zig-Zig, und ich fragte mich, wie man so heißen konnte, ob das überhaupt ein Name sei: Zig-Zig.
Zigis Haare hingen ins Gesicht, seine wirren Strähnen, die in alle Rich-tungen wuchsen und die er nur selten schneiden ließ. Zwei seiner Zähne waren dunkler als die anderen und standen übereinander, ein bißchen wie Menschen in einer Menge, die aneinander vorbeizuschauen versuchen. Zigi trug keine Strümpfe und immer dasselbe Paar dunkler Schuhe, dessen Leder an den Seiten Risse zeigte und in dem seine kleinen, schmalen Füße größer aussehen sollten. In seiner Brusttasche steckte ein rotes Tuch, in das er und Anna sich schneuzten, wenn Zigi nichts anderes fand, und das sich absetzte von seiner dunklen Kleidung, über die Annas Mutter sagte, sie sehe aus, als gehe Zigi zu einer Beerdigung.
Zigi konnte mit beiden Händen einen Stab halten und plötzlich, wenn ihm danach war, aus dem Stand heraus die Knie hochziehen und darüberspringen, ohne jede Anstrengung, so wie andere eine Mücke verscheuchen oder in ihrem Kaffee rühren. Er sprang rückwärts auf die Hände, kam zum Stehen, sprang wieder rückwärts auf die Hände, viele Male hintereinander, und bewegte sich so durch Évis Garten, in Kreisen, die er mit seinem Körper schnell in die Luft zeichnete, vorbei an Stühlen und Bänken, die eng beieinander standen und die er trotzdem nie berührte. Annas Augen folgten Zigi, und wenn er anfing, ihr Blickfeld zu verlassen, drehte sie ihren Kopf nach ihm, Anna, die ihren Namen vorwärts und rückwärts sagen konnte, ohne daß er anders geklungen hätte, ohne daß er sich änderte, wie oft man ihn auch drehte, mit derselben Bewegung, mit der Zigi durch die Luft sprang, vor und zurück, unter zwei Bäumen, deren Zweige sich berührten, wenn er abhob und diesen Namen rief: Anna.
Jedes Jahr brachte Zigi Dinge, mit denen Anna und ich nichts anzufangen wußten, über die sich Évi aber freute wie über nichts sonst. Diesmal waren es die Reste einer Tapete, auf der rote Rosen rankten und die für eine Seite ihrer winzigen Küche ausreichte. Zigi nahm das einzige Regal ab, sah zu, wie Geldscheine hinabsegelten, die er irgendwann in einen Brief gesteckt und die Évi dann hinter Tellern und Tassen versteckt hatte, und klebte die Tapete an einem Morgen rund um das kleine Fenster, durch das wir auf die Pforte schauen konnten. Mit einem breiten Pinsel schmierte er Kleister auf die Wände, schnitt die Bahnen im Stehen, mit schnellen, kurzen Bewegungen, nur nach dem Maß seiner Augen, drückte sie mit beiden Händen an und strich sie glatt mit seinem roten Tuch, das er aus der Brusttasche nahm. Am Abend saß Annas Mutter vor dem Fenster, umgeben von roten Rosen ohne Duft, die sich rankten als wollten sie hinauswachsen, durch das Fenster hinaus ins Freie.
Abends, wenn der Himmel anfing, sich zu färben, und ein blaues Spätsommerlicht in Évis Garten schickte, legte sich Zigi auf den Rücken ins Gras, zog die Beine hoch, warf eine große Flasche in die Luft, die er irgendwo im Haus gefunden hatte, fing sie mit den Füßen auf und drehte sie so schnell, daß ihr Schriftzug zu einem unlesbaren Strich wurde, während Annas Mutter die Wäsche in einem Korb langsam durch den Garten trug und dort, wo die Sonnenblumen standen, an eine Leine hängte, die sie an zwei Äste geknotet hatte. Wenn ihm genügend Kinder vom Zaun aus zuschauten, legte Zigi den Kopf in den Nacken und balancierte einen Stock und darauf ein Tablett mit Gläsern auf der Stirn. Annas Mutter schenkte im Vorbeigehen roten Saft ein, und Zigi lief auf seinen schmalen, kleinen Füßen durchs hohe Gras, ohne daß ein Tropfen über die Gläser rann, am Zaun entlang, wo sich die Kinder drängten und an den Latten hochzogen, um besser sehen zu können. Évi stieg auf die erste Stufe ihrer Leiter, nahm die Gläser ab, reichte sie uns Kindern, nach und nach, und Zigi trat einen Schritt zurück, fing Stock und Tablett mit den Händen auf, klemmte sie unter den Arm, lehnte sich an den Zaun, stieß an mit uns, und Évi nahm die große Flasche und stellte sie zurück an ihren Platz, im Flur oder in der Küche, bevor sie an den Holzlatten entlangging und die Gläser einsammelte.
Zigi fing an mit diesen Dingen, auch wenn ihm keiner zusah, oder wenn er nicht wußte, daß Anna und ich uns versteckt hatten, hinter einem Baum, einem Busch, einem Fenster, um ihn zu beobachten, wenn er Reifen aus Holz aus dem Verschlag hinter den Hühnern holte und sie an den Armen und der Hüfte drehte und dabei weiter durchs Gras lief. Anna und ich wurden nicht müde davon, ihm zuzusehen, und wir warteten voller Ungeduld, wenn Zigi ein paar Tage hintereinander nichts dergleichen tat, wenn er lief wie jedermann, sich auf einen Stuhl setzte, ohne ihn vorher hochzuwerfen, wenn er seinen Kaffee ohne Kunststücke trank, ruhig im Sitzen, ohne die Tasse mitten in einem Sprung von einer Hand in die andere zu geben. Wenn Anna jetzt vor der Schule oder auf ihren Wegen nach Hause gefragt wurde, ist das dein Vater, der mit der Stirn Gläser auf einem Tablett durch den Garten trägt, sagte sie, ja, das ist mein Vater.
Zigi beschaute das Häuschen, das kein Haus war, er lief auf und ab, befühlte mit den Händen das Holz, die Rahmen der kleinen Fenster, die tiefe Risse zeigten, prüfte die Bretter, die Leisten, und bei allem trug er einen Hammer bei sich, in einer Schlaufe, die er um sein rechtes Hosenbein gebunden hatte, um auf einen Nagel zu klopfen, der sich gelöst hatte, oder ein Brett hoch-zustemmen, das hinabgerutscht war. Er glaubte, es winterfest machen zu müssen, ihm kam der Gedanke, Anna und Évi könnten frieren, könnten naß werden, Schneeflocken könnten auf ihre Betten, auf ihre Decken fallen, in den dunklen Monaten, die auf einen zu frühen Herbst folgten. Anna und ich, wir hatten uns schnell gewöhnt an diesen hohlen Klang, den wir hören konnten, wenn Zigi gegen die Regenrinne aus Blech schlug, rund um das Häuschen, von Schelle zu Schelle, und der uns wieder und wieder sagte, es ist Zigi, er schaut nach dem Haus.

Solange es der Herbst zuließ, saß ich an den Nachmittagen neben Anna in einem großen Tuch, das Évi für uns zwischen zwei Bäume gebunden hatte. Wir schaukelten in den Abend hinein, langsam vor und zurück, bis die Schatten länger und dunkler wurden, bis sie alles zudeckten und Évi vergaß, Anna ins Bett und mich nach Hause zu schicken. Wir konnten sie und Zigi durchs Fenster im großen Zimmer sehen, hinter den Gardinen, nah beiein-ander. Wir konnten sehen, wie sie sich an den Händen faßten, an den Schultern, wir konnten sehen, wie Zigi die Arme hob und Évi sich darunter drehte, wie sie ohne Musik tanzten, langsam weg vom Fenster, mit kleinen Schritten durch den schmalen Flur, wo sie die Mäntel an den Kleiderhaken streiften und Zigi einen Hut schnappte, um ihn Évi aufzusetzen. Wenn wir so schaukelten und schauten, Anna und ich, glaubten wir fest, wußten wir, so hatte es zu sein, und so würde es irgendwann auch für uns werden.

Nach Wochen reiste Zigi ab und ließ nichts zurück als eine Tapete voller Rosen, die hinaus in den Garten strebten. Er fuhr an einem Tag, den er vorher nicht angekündigt hatte, von dem Anna und Évi aber wußten, daß er kommen würde, spätestens als Zigi mit dem Hammer auf die Regenrinne geklopft hatte, von Schelle zu Schelle, rund um das Häuschen, spätestens da wußten sie es. Sie brachten ihn zur Haltestelle, wo er den Bus nahm, zum Bahnhof, um in einen Zug zu steigen, der ihn zu einem anderen Zug brachte, mit dem er die Stadt erreichte, in deren Hafen das Schiff lag, das er bestieg über eine breite Treppe, die sie hinunterklappten, und die er nicht schnell und leicht hinaufging, wie es sonst seine Art war, sondern für die er Zeit brauchte. Wenn der Bus am Ende der Straße einbog, wenn er sich zeigte, griff Évi nach Annas Hand, und wenn der Bus hielt, die Türen sich öffneten, zog sie Anna näher zu sich, während Zigi seinen Koffer mit den wenigen Kleidern in den Bus warf, auf die Stufen sprang, mit einer Hand die Stange faßte, mit der anderen seinen Hut, und sich dann rückwärts weit hinauslehnte, ein Bein vorgestreckt, den Rücken nach hinten gebogen, aus dem Türrahmen hinaus, um Anna und Évi mit dem Hut in der Hand zu winken. Sie schauten ihm nach, schauten, wie der Bus mit ihm die Straße hinabfuhr, wie er ihn wegtrug, mit einem letzten kleinen Kunststück. Wir fanden nie heraus, wie Zigi es schaffte, den Fahrer dazuzubringen, die Tür nicht zu schließen, nicht bis zur nächsten Biegung, wo der Bus verschwand, Zigi seinen Hut aufsetzte, seinen Koffer nahm, ausstieg und zu Fuß weiterlief, weil ihm der Bus zu schnell fuhr, weil er es nicht mochte, sich so zu entfernen, von der Haltestelle, an der Anna mit ihrer Mutter noch eine Weile stand, als wüßten beide nicht was tun, von dem schmalen Pfad, über den sie nur langsam zurückliefen, mit kleinen, zögernden Schritten, zurück zu ihrem Häuschen, an das Zigi in den letzten Tagen noch ein paar Bretter gehämmert hatte, weil er glaubte, so könne er den Winter von ihm fernhalten.

Anna hielt sich fest an den Briefen, die Zigi schickte, an den Zeichnungen, die er ins Kuvert legte, kleine, einfache Skizzen mit Pfeilen, die Anna zeigen sollten, welche Bewegungen er gerade einübte, die wir aber vergeblich nachzuturnen versuchten. Zigi hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich meinen Namen zu merken, weil er sich niemals Namen merkte, weil es ihm unwichtig, unsinnig erschien, auch weil sein eigener Name nicht sein wirklicher Name war, sondern einer, den er erfunden, den er sich selbst gegeben hatte, in einem Jahr, das weit genug zurücklag, um seine Zahl zu vergessen, in dem er zum ersten Mal ein Schiff bestiegen hatte, das ihn fortriß aus allem, was er bislang gewesen war, um wenige Wochen später anzufangen, unter einer Zirkuskuppel Tabletts auf seiner Stirn zu balancieren. Aber wenn er schrieb und seinen Brief beendete mit, ich umarme dich, dich und deine kleine Freundin, wußte ich, ich war gemeint.

Bis zum Frühling trug Anna seine Briefe bei sich, steckte sie in ihre Hosen, ihre Kleider, bis ein wärmeres Wetter das erste Grün in den Garten setzte, uns hinauslockte und es mit einem Mal leichter zu ertragen war, ohne Zigi zu sein. Mehr noch im Sommer, der seinen weiten Himmel brachte und seine lauen Nächte, in denen Évi im Garten saß, allein zwischen Stühlen und Tischen, als warte sie auf jemanden, und mit ihren nackten Füßen übers Gras strich. Zigi hatte uns an den Abenden erzählt, daß es nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über schneie, daß wir den Schnee nur nicht sehen könnten. Also schauten wir an den Sommertagen hoch zum Himmel, und wenn ihr die Wolkendecke dicht genug schien, sagte Anna, es schneit.


Zsuzsa Bánk, geb.1965, Schriftstellerin in Frankfurt/Main; Roman „Der Schwimmer“ (2002); Erzählungen „Heißester Sommer“ (2005) u.a.; Aspekte Literaturpreis und Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung (2002); Deutscher Bücherpreis und Bettina-von-Arnim-Preis (2003); Adelbert-von-Chamisso-Preis (2004).

Keine Kommentare: