Siegfried Einstein

Erzähler, Lyriker, Essayist, Redner -
kleine Hommage,
mit freundlicher Genehmigung seiner Witwe Ilonka Einstein zusammengestellt von Gisela Kerntke

„... Mit Siegfried Einstein starb einer der letzten Vertreter deutscher Exilliteratur, denn dieser ist sein Werk zuzurechnen, obwohl es in der Mehrheit auf deutschem Boden entstanden ist. Im Alter von 15 Jahren emigrierte der aus Laupheim bei Ulm stammende Spross einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie nach traumatischen Erlebnissen der Ächtung in die Schweiz. Gerade weil er im deutschen Geistesleben so tief verwurzelt war, ist er in der Bundesrepublik, in die er schon 1952 zurückkehrte, nie wieder ganz heimisch geworden. Er, der seine halbe Familie verloren hatte, fühlte sich als Jude gezeichnet und zur Anklage, zum wortgewaltigen Vorwurf verpflichtet. Die neuerliche Ächtung, die ihm darob widerfuhr, erwiderte er mit streitbarer Verve. Seine Gesundheit hat er damit bald aufgezehrt....“ (Die Rheinpfalz 19.09.1984: Lyrik und Zeichnungen. Verwandte Inspiration. Ilana Shenhavs Zeichnungen zu Siegfried Einstein. Von Heike Marx)

>>>Aus: „Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen?“; Essays, Gedichte, Aufsätze und Reden. Hrsg. von Gideon Schüler. Edition literarischer Salon im Focus Verlag 1987:

„... das eiserne Kreuz und die Tapferkeitsmedaille meines Vaters hingen immer in meinem Schrank neben dem gelben Judenstern.“

Am Grabe des unbekannten Soldaten

Unbekannter, du aus Stein gemeißelt,

träumst von einer wunderbaren Zeit,

da die Menschheit, die vom Krieg gegeißelt,

sich verbündet gegen Haß und Streit.

Unbekannter, Feind der Heldensagen,

ach, nur wenig Jahre ist es her,

daß die Menschen starr im Blute lagen;

heute treiben sie ins gleiche Meer.

Unbekannter, deine Brüder starben,

deine Schwestern wanden sich vor Schmerz.

offen sind die Wunden, und die Narben

bleiben lang noch in Europas Herz.

Unbekannter, du von allen Kriegen

schon Erlöster, öffne nicht dein Ohr!

heute wollen deine Söhne siegen –

morgen stürmen deine Enkel vor.

Und sie fallen. Und man wird sie ehren,

wie man dich, du Unbekannter, ehrt.

Mütter müssen sich vor Gram verzehren:

und Millionen glauben noch ans Schwert.

Kiddusch

Noch einmal müßte eines Kantors Hand

den goldnen Becher meinen Lippen reichen,

und Lieder möcht ich hören, jene weichen

und dunklen Weisen aus dem heilgen Land.

der Knabe möcht ich sein im Feierkleid,

der Knabe mit dem gläubigen Vertrauen.

auf schwarzen Trümmern möcht ich Häuser bauen

zu Gottes Ruhm in alle Ewigkeit.

mein kleines Herz müßt ängstlich klopfen,

die Lippen preisen jeden Tropfen

aus jenem funkelnden Pokal.

Und meine Seele müßte heben

und lieben müßte ich mein Leben

und neu beginnen noch einmal

Nachwort von Nathan Peter Levinson (ehemaliger Landesrabbiner von Baden-Württemberg):

Eine Aufgabe wurde mir gestellt, die mich mit Dankbarkeit und Wehmut erfüllt. Ich bin nicht mehr ständig in Deutschland und meine Bücher und Unterlagen sind im Ausland. So kann ich auch nicht auf Siegfried Einsteins Gedichte und seine Gedanken zurückgreifen. Ich hätte das alles jetzt wieder gern gelesen. Ich kann nur aus dem Gedächtnis über diesen Freund, diesen Dichter, diesen Erzjuden und Gerechtigkeitsfanatiker im besten Sinne sprechen als den ich ihn kennen-, schätzen- und liebengelernt hatte. In ihm vereinigten sich Zartheit und Strenge, äußerste Sensibilität und provozierendes Pathos. Er war ein Genie, aber vor allem war er ein Mensch. Über die Verbrechen, die man seinem Volk und Mitgliedern seiner Familie angetan hatte, kam er nie hinweg. In seinem Studierzimmer fand man, wie in einem Heiligtum, die Erinnerungen an die Vergangenheit. Und wo es um die Untaten der Mörder und Henkersknechte der nationalsozialistischen Horden ging, da wuchs sein Zorn und seine Trauer ins Unermeßliche. Er war dann wie ein rächender Engel, den das vergossene Blut seiner Schwestern und Brüder nicht zur Ruhe kommen ließ. Sein Weh- und Anklagen fanden keine Grenzen.

Und doch war er der mitfühlendste der Menschen. Als meine Frau, die Ärztin Helga Levinson, starb, wußte ich, daß ich nur ihn bitten würde, die letzten Worte an ihrem Grab zu sprechen. Daß ihr keiner einen Nachruf widmen könne wie er, von dem Helga gesagt hatte: „Was bist du doch für ein Dichter!“ Und ich kenne in der Literatur nur zwei Schlaflieder, deren Innerlichkeit den Atem raubt: Das Schlaflied, das Siegfried Einstein für seinen Sohn Daniel schrieb und das Schlaflied an Mirjam von Richard Beer-Hoffmann.

Siegfried Einstein war nicht unbestritten. Er war zu ehrlich und offen, um sich nur Freunde zu schaffen, und viele fürchteten seine Zunge. Er gehörte zu denen, die den Menschen sagen, was sie hören müssen, und nicht das, was sie hören wollen. Und deshalb war er der zutiefst politische Mensch, der sich aktiv und leidenschaftlich für die Geächteten, die zur Erde Gedrückten einsetzte und dabei keinen verschonte, vor keinem in die Knie ging.

Und er war der exemplarische Jude, nicht orthodox, nicht observant, aber von einer stolzen, eindrucksvollen, unerschütterlichen Loyalität. Das bezog sich auch und besonders auf seine unverbrüchliche Treue gegenüber dem Aufbauwerk des Staates Israel, der ja leider ein Objekt streitender Machtblöcke geworden war, wo es nicht mehr um Wahrheit, sondern um Interessen, um Opportunitäten ging. Jenen, die nur einer Parteilinie zu folgen wußten, sagte er unverblümt seine Meinung, brach jahrzehntelange Verbindungen und Freundschaften, setzte sich zuletzt zwischen alle Stühle. Denn er war unbeugsam und unbestechlich - hier wie dort. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Seelen verkaufen.

Er war eine jener seltenen Persönlichkeiten, die durch ihren sprühenden Geist, durch Witz und Charme ihre Zuhörer begeistern. Wer jemals mit ihm gesellschaftlich zusammengetroffen war oder einen seiner Vorträge gehört hatte, weiß davon zu berichten. Ihn gekannt und als Freund, als Juden, als Mitmenschen geschätzt zu haben, gehört zu den großen Geschenken, die ich in meinem Leben erhalten durfte. Dafür bin ich dankbar und darum bin ich froh.

>>>Aus: Das Wolkenschiff. Gedichte. Verlag Beer und Co. Zürich 1950:

SCHLAFLIED FÜR DANIEL

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Scheiben klirren im Wind,

da sind die Toten erwacht,

die Toten von Auschwitz, mein Sohn.

Du weißt es nicht

und träumst von Sternschnupp und Mohn

und Sonn und Mondgesicht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten stöhnen im Wind:

viel Menschen sind umgebracht.

Du darfst nicht schlafen, mein Sohn,

und träumen von seliger Pracht.

Sieh doch! Es leuchtet der Mohn

wie Blut so rot in der Nacht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten klagen im Wind -

und niemand ist aufgewacht...

>>> Aus: Eichmann: Chefbuchhalter des Todes, Röderberg-Verlag 1961, Seite 9: Präludium:

Mit dieser Anklage gegen den Chefbuchhalter des Todes, Karl Adolf Eichmann, mit dieser Abrechnung mit den Eichmännern in der Diktatur der Frackhemden im Jahre 1961, gedenke ich der heiligen Mütter in den Todeszügen, der Frauen, die ihren Leib verflucht: den Ungebornen zu ersparen des Henkers Schergen auf der Flucht. Ich gedenke der greisen Knaben, die ihre helle Jugend schon im Mutterleib verloren haben. Ich gedenke der jüdischen Söhne, die in Auschwitz und Maidanek in die Gaskammer gestoßen wurden. Ich gedenke der Väter, die unter einer „Messlatte“ sich wähnend, den Genickschuss aus dem Hinterhalt empfingen. Ich gedenke der tapferen Polin, die ein weinendes Judenmädchen bei sich aufnahm und dafür auf dem „Richtplatz“ durch Großdeutschlands Kugeln in den Tod sank. Ich gedenke der Kämpfer in den Konzentrationslagern, ich gedenke meiner Brüder Isaak und Jerzy, Oscar und Wladislaw, Boris und Pierre, Béla und Kostis, Mario und Arne. Ich gedenke meiner Schwestern Sara Bjerke, Katja Niederkirchner, Else Noffke, Olga Benario, Martha Desrumeaux, Grazyna Chrostowska, Jolan Leboviez, Anna Grunina Pavlinowa. Ich gedenke des in Krakau erschlagenen Mordche Gebirtig, der mit seinem Kampflied „Es brennt!“ die Widerstandskämpfer aus allen Nationen anfeuerte...

>>>Aus: Meine Liebe ist erblindet. Gedichte. Verlag der Quadrate-Buchhandlung Mannheim 1984:

Spanischer Tod

Wenn ich sterbe, wirst du sehend werden?

Charlie Chaplins Requisiten träumen?

Und den Mond mir pflücken von den Bäumen -

Wenn ich sterbe, wirst du sehend werden?

Wenn ich sterbe, wirst du Arzt studieren:

Und die Masern der Gebirge heilen,

Die Granadas Licht vom Meergrün teilen -

Wenn ich sterbe, wirst du Arzt studieren?

Wenn ich sterbe, wirst du Fischer werden

Und die Barke vor Altea ankern?

Auf dem Kirchplatz mir den Fisch servieren...

Wenn ich sterbe, wirst du Fischer werden?

Wenn ich sterbe, wirst du mich begleiten:

Beim Flamenco die Gitarre zupfen,

Meiner Sehnsucht auf die Schläfe zielen -

Den Revolver rasch ins Wasser werfen

STERB' ich: trägst du dann ein Kleid aus Rupfen?

Fetzen eines Gedichts

Drei tote Tauben

Drei weiße Briefe

Drei nackte Mädchen

Drei Schaufeln Hass

Drei spitze Schuhe

Drei alte Brillen

Drei braune Beeren

Drei Schreie Schlaf

Drei Ellen Anfang

Drei rote Wolken

Drei offne Scheren

Drei Tropfen Tod.

>>>Vita

30.11.1919

geboren in Laupheim bei Ulm

1933

seine geliebte Schwester Claire wird vor seinen Augen vom Blitz erschlagen; S.E. ist vierzehn, „Clärle“ zwanzig; ihren Bergstock mit der Eisenspitze bewahrt S.E. auf;

1934

Schulkameraden jagen S.E. auf dem Schulhof und bewerfen ihn mit Steinen, danach Emigration in die Schweiz

1938

sein Vater wird verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, Arisierung des elterlichen Geschäfts

1940

folgen die inzwischen kranken und staatenlosen Eltern in die Schweiz

1940 - 1945

als staatenloser Ausländer in schweizerischen Arbeitslagern interniert (Straßenbau, Trockenlegung von Sümpfen). Kontakt zu antifaschistischen Widerstandsgruppen und Bekanntschaft mit dem progressiven deutschen Literaturerbe. Veröffentlichungen: "Melodien in Dur und Moll", "Sirda", "Thomas und Angelina", "Das Schilfbuch", "Das Wolkenschiff", "Legenden"

1949

erste Reise in die BRD, Begegnung mit Erich Kästner

1950 - 1952

Leiter des Pflug-Verlages, St. Gallen

1953

Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland. Wohnte zunächst in Lampertheim/Südhessen; wegen antijüdischer Diskriminierungen (viele Zeitungen berichteten damals darüber) zog er 1959 nach Mannheim

1956

Thomas Mann-Förderpreis, Heinrich Heine- Gedenkrede auf dem Friedhof Montmartre in Paris. Bericht in den "Lettres francaises

1957 - 1967

Mitarbeiter der linkssozialistischen "Anderen Zeitung", des "deutschen Michel" , des "Simplicissimus" und an Rundfunkanstalten

1961

Veröffentlichung: "Eichmann. Chefbuchhalter des Todes". Erschütternde Anklage gegen NS-Täter und gegen restaurative und antisemitische Tendenzen in der Bundesrepublik Deutschland

1962

Reise nach Moskau. Treffen mit Ilja Ehrenburg, Konstantin Fedin, Jewgenia Ginsburg und Lew Kopelew. Er schreibt "Unvergessliche Tage in Leningrad - Taschkent und Samarkand"

1964

Tucholsky-Preis der Stadt Kiel

1967

Heirat mit Ilona, geb. Sand

ab 1954

Dozent an der Abendakademie Mannheim für Literatur. Vorträge und Reden in der Frankfurter Paulskirche, in Florenz u.a. In zahlreichen Anthologien mit Gedichten vertreten: "An den Wind geschrieben" 1960, "Teuflische Jahre", 1966, "Welch Wort in diese Kälte gerufen", 1968

25.04.1983

Tod durch Herzinfarkt auf einer Straße in Mannheim.

Posthume Veröffentlichungen:

1984 "Meine Liebe ist erblindet". Gedichte. Hrsg. von Ilonka Einstein, Gisela Kerntke, Ute Schmitt-Gallasch, Eberhard Thieme. Quadrate-Buchhandlung, Mannheim.

1987 "Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen?" Essays, Gedichte, Aufsätze und Reden. Hrsg. von Gideon Schüler. Focus-Verlag, Giessen.




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